IWF lobt Athen

von am 20. Juli 2010 in Allgemein

Der Internationalen Währungsfonds (IWF) lobte in seinem Statement vom 17.07.2010 Griechenlands Fortschritte bei der Kontrolle der Staatsausgaben, bei der Rentenreform und den Strukturreformen. Immerhin, nach den vorläufigen Daten des griechischen Finanzministeriums sank das Staatshaushaltsdefizit (General Government) im 1. Halbjahr 2010 um beachtliche -46% auf -9,645 Mrd. Euro nach -17,866 Mrd. Euro im Vorjahreshalbjahr. Bei der Reduzierung des Defizits ist Griechenland zwar bisher erfolgreich, nur wird Griechenland durch eine gesenkte Neuverschuldung noch lange nicht in die Lage versetzt seine Staatsschulden dauerhaft zu bedienen oder gar abzutragen:

Laut dem griechischen Finanzministerium betrug das Central Government Debt im 1. Quartal 2010 310,384 Mrd. Euro.

Über Griechenland schwebt weiterhin latent der Staatsbankrott, denn die Leistungsfähigkeit der griechischen Wirtschaft gibt eine signifikante Tilgung der Staatsschulden gar nicht her. Das nominale BIP in Q1 2010 betrug nur 59,662 Mrd. Euro, hochgerechnet auf das Jahr 238,6 Mrd. Euro. Die heute zahlungswirksame, explizite Verschuldung des Central Governments, von Staat (General Government), lokalen Regierungen (Lokal Governments), Städten, Gemeinden und Sozialversicherungen betrug in Q1 2010 laut den Daten des griechischen Finanzministeriums 310,4 Mrd. Euro und damit satte 130% des BIPs.

Vor allem mangelt es den Griechen an industrieller Wertschöpfung. Nach den letzten Daten von Eurostat zur Industrieproduktion, stieg im Mai 2019 der Output der Produktion um +0,9% zum Vormonat, lag aber mit -6,3% immer noch zum Vorjahresmonat im signifikanten Minus. Der Chart mit dem saisonbereinigten Index der griechischen Industrieproduktion sieht weiter ernüchternd aus:

Mit schlappen 83,96 Indexpunkten liegt der Output des produzierende Gewerbes auf dem Niveau von August 1997! Von einer zwingend nötigen Ankurbelung der industriellen Wertschöpfung ist keine Spur zu sehen!

Die nominale Bruttowertschöpfung (Produktionswert – Vorleistungen) in der breitgefassten Industrie (Verarbeitendes Gewerbe und Energiesektor) sank in Q1 2010 auf nur 6,246 Mrd. Euro bzw. nur 10,47% des nominalen BIPs. Zum Vergleich in Deutschland betrug die Bruttowertschöpfung der breitgefassten Industrie in Q1 2010 122,58 Mrd. Euro bzw. 22,87% des nominalen BIPs.

Selbst die relativ starke griechische Landwirtschaft inkl. Forstwirtschaft und Fischerei trägt nur mit 1,897 Mrd. Euro zur Bruttowertschöpfung bei.

Die Bruttowertschöpfung am griechischen Bau betrug in Q1 2010 noch 2,124 Mrd. Euro. Der Output beim Baugewerbe hat auch schon deutlich bessere Quartale gesehen:

Der griechische Produktionsindex des Baugewerbes fiel in Q1 2010 auf 68,10 Indexpunkte. Zum Hoch in Q4 2002 mit 250,48 Punkten betrug der Einbruch -72,8% und zum Durchschnitt aller Quartale seit Q1 2000 bis Q4 2009 mit 139,88 Punkten lag der Einbruch bei beachtlichen -51,3%.

Während die gesamten Staatsschulden seit Q1 2000 bis Q1 2010 um +128,1% stiegen, generierte die Bruttowertschöpfung der Industrie wenigstens noch einen Anstieg von +56%. Der Output der Industrie lag dagegen sogar mit -17% unter dem Level von Q1 2000, der beim Bau sogar bei -40,7%.

Das Exportvolumen von Waren und Gütern lag im Mai 2010 nur bei 1,263 Mrd. Euro. 2009 hat Griechenland Waren und Güter im Wert von nur 14,377 Mrd. Euro exportiert, in Deutschland waren es 803,899 Mrd. Euro! Pro Kopf exportierte Deutschland Waren und Güter in Höhe von 9’823 Euro und Griechenland pro Kopf nur in Höhe von 1’277 Euro. Damit exportiert Deutschland je Einwohner 7,7-mal so viel wie Griechenland!

Ein weiterer wichtiger Anhaltspunkt für die mangelnde Leistungskraft stellt sich so dar. Die Auslandsverschuldung (Gross External Debt) aller Sektoren der griechischen Volkswirtschaft betrug im 1. Quartal 2010 gewaltige 413,563 Mrd. Dollar. Das aussagekräftige Verhältnis von Auslandsverschuldung zu Exportvolumen (Foreign Debt to Exports Ratio) betrug ca. 1001%. Ökonomisch nachhaltig tragfähig wären maximal 200%.

Foreign Debt to Exports Ratio, Verhältnis von Auslandsverschuldung (Q1 2010) von 413,6 Mrd. Euro zu Exportvolumen (2009) von 41,3 Mrd. Euro.

Exportvolumen Total aus Summe von Waren und Gütern (2009) 14,4 Mrd. Euro und Dienstleistungen 26,9 Mrd. Euro, davon 10,4 Mrd. Euro aus dem Tourismus, dessen Einnahmen als Exportvolumen bei Dienstleistungen verbucht werden und 13,55 Mrd. Euro als Dienstleistungsexporterlöse durch die Einnahmen der griechischen Reedereien, als EU-weit größte Handelsflotte und als fünftgrößte der Welt. Trotz starken Exporterlösen bei Dienstleistungen aus Tourismus und den Reedereien entspricht das gesamte Debt to Exports Ratio, dem eines Entwicklungslandes.

Im 1. Quartal 2010 erzielte Griechenland ein Leistungsbilanzdefizit in Höhe von -9,879 Mrd. Euro, das höchste Defizit seit 5 Quartalen. Im Gesamtjahr 2009 betrug das Leistungsbilanzdefizit -26,623 Mrd. Euro.

Die Leistungsbilanz fasst die Handelsbilanz (Saldo der Warenexporte und -importe), die Dienstleistungsbilanz (Saldo der Dienstleistungsexporte und -importe), die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie die Übertragungsbilanz (zum Beispiel Zahlungen an internationale Organisationen, Entwicklungshilfe und Überweisungen von ausländischen Arbeitnehmern in ihre Heimatländer) zusammen. Die Leistungsbilanzen erhöhen mit ihren Überschüssen/Defiziten die Gläubiger- bzw. Schuldnerposition gegenüber dem Ausland.

Um Griechenlands Leistungsbilanzdefizit besser einordnen zu können:

Die Entwicklung der Leistungsbilanzen von Deutschland, Frankreich und den PI(I)GS von 1998 bis 2009.

Die Staatshaushaltsdefizite 2009 von Deutschland, Frankreich und den PI(I)GS-Staaten in Mrd. Euro und die Leistungsbilanzdefizite von Frankreich und den PI(I)GS-Staaten, sowie der kräftige Leitungsbilanzüberschuss Deutschlands!

Das gesamte Ausmaß der griechischen Misere stellt das Zwillingsdefizit aus Staatshaushalt und Leistungsbilanz in Relation zum nominalen BIP dar. Griechenland musste 2009, um ansatzweise den Status Quo in Wirtschaft und Gesellschaft zu sichern, 24,83% des BIPs fremdfinanzieren und steht im Vergleich zu den anderen PI(I)GS am schlechtesten dar.

An Hand dieser ausführlich dargestellten Daten wird klar, ob IWF, EU oder andere offizielle systemkonforme Institutionen, nicht nur in Bezug auf Griechenland sind deren Einschätzungen nichts wert, denn sie basieren auf keinerlei realwirtschaftlicher Grundlage! Eine kurze Auswertung der verfügbaren offiziellen Wirtschaftsdaten enthüllt den besorgniserregenden Zustand der griechischen Ökonomie. Griechenland hätte in Bezug auf seine miese wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nie unter dem Dach einer gemeinsamen Währung mit Deutschland gedurft, außer das nicht kommunizierte Ziel war es – eine dauerhafte Transferunion zu errichten!

Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone sind nicht gelöst, eine temporäre Erholung der Wirtschaft angekurbelt durch weltweite Konjunkturpakete, niedrige Zinsen, Quantitative Easing einiger Notenbanken und echten Wachstumsimpulsen aus Asien haben das Euro – Desaster nur übertüncht und der erstarkende Euro der letzten Wochen gegenüber dem Dollar reflektiert vor allem die sich anbahnende Rezession in den USA.

Nachtrag: Passend zum Thema berichtete die New York Times heute von der griechischen staatlichen Bahn, Hellenic Railways, die eine Gesamtverschuldung von 13 Mrd. Dollar bzw. von 5% des griechischen BIPs vor sich her schiebt. Die außerbilanziellen Verpflichtungen (Off -Balance-Sheet) der Hellenic Railways und anderer Staatsbetriebe belaufen sich auf 33,6 Mrd. Dollar und erhöhen den offiziellen Staatsschuldenstand um weitere 11% des BIPs!

Quelle Daten: Eurostat/Datenbank, Statistics.gr, Bankofgreece.gr, Mof-glk.gr/SDDS

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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