Kritischer Blick ins „Dickicht“ der U.S. Arbeitsmarktdatenreihen

von am 29. Dezember 2011 in Allgemein

Gastbeitrag von Hajo

Aktuell führen die Statistiker des U.S. Arbeitsministeriums über 2000 Datenreihen zur Situation des Arbeitsmarktes. In den Medien werden jedoch nur Daten aus einigen wenigen Datenreihen veröffentlicht, die die Arbeitsmarktentwicklung in einem positiven Licht erscheinen lassen. Im Folgenden werde ich zunächst einige „optisch positive“ Aspekte herausstellen und danach eine Reihe von Aspekten, die diese konterkarieren.

A) „Die Arbeitsmarktsituation verbessert sich sukzessiv deutlich.“

Beginnen wir zunächst mit der Entwicklung der offiziellen Arbeitslosenrate: Diese lag im Oktober 2009 bei 10,1 % und im November 2011 bei 8,6 % – WOW! Die Statistiker des Arbeitsministeriums arbeiten mit zwei zentralen Begriffen bzgl. Ansprüchen auf Arbeitslosenhilfe:

„Initial Claims“ = Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und „Continued Claims (Insured Unemployment)“ = fortgesetzte Ansprüche auf Arbeitslosenhilfe aus der Arbeitslosenversicherung.

„Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe sind erheblich gesunken.“

Lassen wir den nachfolgenden Chart des 4-Wochen-Durchschnitts für Neuanträge mal auf uns wirken. Zahlenangaben halte ich dabei für verzichtbar.

Interessanterweise stammt diese Datenreihe nicht vom BLS sondern von der ETA des Arbeitsministeriums (Employment and Training Administration). Seitens Freunden in den USA ist mir bekannt, dass seit 2009 – ähnlich wie in Deutschland bei der Bundesagentur für Arbeit – ein großes Schulungsprogramm des Arbeitsministeriums läuft, das die Teilnehmer aus der Arbeitslosenstatistik heraushält.

„Gesetzliche Ansprüche auf fortgesetzte Arbeitslosenhilfe sinken massiv.“

Die vermeintlich positive Optik täuscht gewaltig: Im Juni 2009 hatten noch rund 6,6 Mio. Langzeitarbeitslose Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung, aktuell sind es lediglich noch 3,55 Mio. Über 3 Mio. weniger Menschen ohne Job erhalten aktuell noch Arbeitslosenhilfe. Diese sind aus der sog. Labor Force (Arbeitsverhältnisse von Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 16 und 65 Jahren, die nicht beim Militär, in psychiatrischen Anstalten oder Gefängnissen sind) mittlerweile „ausgemustert“. Die “Ausgemusterten” erhielten und erhalten noch für eine begrenzte Zeit finanzielle Unterstützungen aus dem Bundeshilfsprogramm “Emergency Unemployment Compensation (UEC)”, das ihnen zwischen 50 % und 80 % der ursprünglichen Zahlungen aus der Arbeitslosenversicherung gewährleistet(e). Der mediane Schnitt dieser Unterstützungen liegt bei rund 60 % der ursprünglichen Ansprüche, d.h. im Klartext: Diese Leute verfügen über weniger als die Hälfte des Einkommens aus ihren früheren Arbeitsverhältnissen.

3. „Zwischen Juli 2009 und September 2011 wurden rund 1,265 Mio. Arbeitsplätze neu geschaffen.“

Am Tief von Juli 2009 standen 2,112 Mio. neu geschaffene Arbeitsplätze zu Buche, im September 2011 waren es 3,377 Mio. und im Oktober 2011 3,267 Mio. Rund zwei Drittel der „neu geschaffenen Arbeitsplätze“ basieren auf dem fiktiven mathematischen „Birth-to-Death“-Modell des BLS, welches an der Realität völlig vorbeigeht.

B) „Die Arbeitsmarktsituation ist desolat!“ (Hajo)

Diese Einschätzung basiert auf Datenreihen, die unter dem Oberbegriff „Civilian Labor Force Participation Rates“ laufen. Diese reflektieren die prozentualen Anteile von im Arbeitsleben stehenden Personen diverser Bevölkerungsgruppen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren außerhalb des Militärs, psychiatrischer Einrichtungen und Gefängnissen, zu den Gesamtzahlen der erwerbsfähigen Personen.

Anfang 2000 lag die allgemeine Partizipationsrate noch bei über 67 %; aktuell liegt sie – mit deutlicher fallender Tendenz – lediglich noch bei 64 %. Dieser Schwund ist scheinbar nur gering, doch in Relation zum Anstieg der Bevölkerungszahl ist er tatsächlich enorm.

Dies ist der m.E. katastrophalste Chart zum U.S. Arbeitsmarkt. Er lässt nämlich eine „historische Anomalie“ erkennen: Nach allen vorherigen Nachkriegsrezessionen kam es zu mehr oder weniger deutlichen Anstiegen der „Civilian Employment-Population Ratio“. Ich gehe davon aus, dass wir nach der letzten Rezession in absehbarer Zeit keinen deutlichen Anstieg sehen werden.

Zwischen 2006 und Anfang 2009 hatte sich die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in einem engen Korridor zwischen 17,8 und 19,8 Wochen bewegt, doch seither steigt sie ohne jegliche Zwischenerholung linear an. Aktuell liegt sie fast doppelt so hoch wie bei der bisherigen Nachkriegsspitze in 1983!

Das Bevölkerungswachstum der USA verläuft linear, nicht jedoch das Wachstum des Bevölkerungsanteils, der nicht in der Labor Force erfasst ist. Dies sind aktuell 86,6 Millionen Bürger.

Dieser Chart reflektiert die Anzahl von Personen, die noch nicht (oder nicht mehr) in der Labor Force Statistik erfasst sind, jedoch aktuell dringend einen Job suchen. Im November 2011 waren das rund 6,6 Millionen Menschen.

Nachfolgend zeige ich noch eine Auswahl von Charts zu den Labor Force Participation Rates bestimmter Bevölkerungsgruppen:

In der Nachkriegszeit drängten insbesondere Frauen zunehmend ins Arbeitsleben. Zwischen 1997 und 2009 stagnierte deren Participation Rate auf dem hohen Level um 60%. Frauen haben zum Großteil Teilzeitjobs, insbesondere in den Sektoren Einzelhandel, Hotel- und Gaststättengewerbe, Pflegedienste und Bildungswesen. Die Löhne in diesen Sektoren sind nicht gerade berückend.

Für Menschen mit College-Abschlüssen oder ähnlicher Qualifikation verschlechtern sich die Arbeitsmarktchancen bereits seit 2002 deutlich, besonders jedoch seit 2008.

Selbst für Menschen mit einem Universitätsabschluss („bachelor´s degree or higher“) gilt die Aussage zu Chart 10 prinzipiell.

 Der Anteil der ins Erwerbsleben eingegliederten behinderten Männer im Alter von 16 bis 64 Jahren, zu denen auch Kriegsversehrte zählen, ist m.E. ein Dokument nationaler Schande! In der Spitze dieser noch jungen Datenreihe lag die Partizipationsrate bei 40,6 % (Juli 2008), im November 2011 nur noch bei 34,5 %. Bei behinderten Frauen im Alter von 16 bis 64 Jahre lag die Partizipationsrate bei nur 29,6% im November 2011.

Gastbeitrag von Hajo

Quelle Daten: Research.stlouisfed.org/Datenbank Arbeitsmarkt

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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11 KommentareKommentieren

  • hunsrückbäuerlein - 29. Dezember 2011

    brillant

    aber abseits der mainstreams, daher erst dann relevant, wenn´s knallt, dann gibt´s nämlich neue Schlagzeilen

  • aloa5 - 29. Dezember 2011

    Nicht zu vergessen die SNAP-Daten. Das sind zwar nicht direkt Daten vom Arbeitsmarkt, spiegeln jedoch diesen letztenendes ebenso wieder, insbesondere wohl die der aus der Statistik bereits herausgefallenen. Die Zahlen welche vorliegen sind zwar immer Monate im Rückstand aber der Vergleich 2010/2011 ist wohl auf hohem Niveau liegend bei +3mio. Es feht das letzte Quartal aber ich würde sagen es werden 47mio welche im Dezember auf SNAP zurückgreifen müssen gegenüber 44mio Dezember 2010 …

    …und 27mio Ende 2007.

    +20mio im SNAP-Programm in 4 Jahren, das sind keine Peanuts.

    Grüße
    ALOA

  • Roland - 29. Dezember 2011

    Heutige Konjunkturdaten und Stimmungsindikatoren aus den USA wie z.B. Hausverkäufe (gebraucht) oder der ISM Chicago, deuten darauf hin, dass durch das weiterhin enorme deficit-spending die Volkswirtschaft so einigermaßen am laufen gehalten wird.

    Ganz anders in Europa:
    Jetzt erwischt es auch die Immobiklienfonds in D.
    14 der 44 größten Fonds haben schon die Rückzahlungen gesperrt oder sind dabei, ihre Bestände zu liquidieren.
    Gestern erwischte es den DJE Real Estate Fund mit Assets von 225 Mio EUR.

    Die Branche befürchtet die schlimmste Krise der letzten 50 Jahre.

  • Tourist - 29. Dezember 2011

    ..und gleichzeitig in immer höherem materiellen Überfluss ersaufen!… Kapitalismus, wie er leibt und lebt!

    “Wir sind zwar “stinkreich”, aber haben keinen Penny”. Terence Hill

    Wir Zeit das Materielle mal nach anderen Kriterien aufzubauen!

    Gruss Tourist

  • Tourist - 29. Dezember 2011

    Übrigens in Europa siehts nicht anders aus! Die Quelle ist zwar alt, da hat sich aber aktuell nicht viel getan!!!

    http://www.euractiv.de/soziales-europa/artikel/armut-in-europa-004077

    Gerade die knapp 40 Millionen Menschen, die unter erheblichen materiellen Entbehungen leben muessen!

    Die dürfen dann wie immer am Schaufenster stehen, reinglotzen und mit knurrendem Magen wieder abziehen! Und die weggeworfenen Lebensmitel von den Discountern bekommen sie nicht, da die sonst ihre Umsätze “gefährden”! Und die 20 Millionen Tonnen, die die Deutschen so weg schmeissen im Jahr, sind auch unzugänglich!

    Da fällt mir ein; hiess es nicht immer, das die Marktwirtschaft mit dem Knappheitsposulat erst so richtig funktioniert????

    Offensichtlich gibt es keine Knappheit bzgl. Lebensmitel und offensichtlich funzt die Marktwirtschaft nicht, und offensichtlich ist diese fehlgeleitete Institution nicht in der Lage, Bedürfnisse und Produktion in Einklang zu bringen!

    Aber was wir vor allem brauchen; ist genau diese Lebensmittel-…Markt – institution, die nichts geschissen kriegt und nur Probleme verursacht!!

    Gud`n

    Tourist

  • Sepa - 29. Dezember 2011

    Heute las ich auf http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-12/hartz-iv-bundesagentur-studie, wie es sich in diesem Lande so entwickelt. Das Prinzip Hartz ist angekommen. Aus gut bezahlten Jobs raus, in Zeitarbeit oder Niedriglohn rein, kurz drin, dann Hartz dann wieder rein in den Arbeitmarkt, weniger als üblich – und schon stimmt es. Mir gehts genauso.

    Damals gut bezahlt, heute eine zu teure und was sonst noch Person. Die Trainingsmassnahmen bei mir haben ( letztes Bewerbungsgespräch ) dazu geführt, das der Personaler nicht mal mehr die Qualifikationen ansehen wollte, weil es mich ja aufwertet – das geht schonmal nicht.

    Aber für einen Billiglohn, bei dem ich noch nicht mal 1.200 Euro Brutto bei Vollzeit und Überstunden ohne Ausgleich erhalten würde, dafür bin ich dann gut. Wie ich meine Familie ernähren soll, das war klar. Gehen sie doch zur ARGE – da gibts dann nen Zuschuss, für das, was wir ihnen nicht zahlen wollen, weil sie dann zu teuer sind.

    So und weiter muss es vielen Menschen gehen, die sich wiederfinden in einer Welt von Lohndrückern und Abstaubern, die nur die Leistungen wollen aber nichts dafür bezahlen. Geiz ist immer noch geil. Egal wo, wann und so weiter. Du kannst dich qualifizieren, Sprachen, EDV und was sonst noch. Es hilft dir nicht. Nur den Trägern, den Statistikern und der Politik. Ein Teufelskreis.

    Somit sind die Zahlen aus den USA und die Trainingsmassnahmen dort ein weiterer Beweis für die Fehlentwicklungen für uns und nachfolgenden Genarationen. Es scheint, als werden wir in Zukunft nur noch mit Stundenlöhnen konfrontiert, die uns zwingen, in Sammelunterkünften a la China zu vegetieren. Stahltüren und Gitter inklusive.

  • Roland - 30. Dezember 2011

    Unschöne Stimmungsindikatoren der chinesichen Einkaufsmanager heute – insbesonders was die Exportaufträge angeht.

    Prognose für 2012:

    Gegenwind in Asien
    Überwasser-halten der USA im Wahljahr
    Rezession in Europa

  • Andres Müller - 30. Dezember 2011

    Die Langzeitarbeitslosigkeit ist von hoher Bedeutung, da ja Ausgesteuerte nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik erscheinen. Die Rekordzeit von 41 Wochen durchschnittlicher Arbeitslosigkeit in den USA verweist darauf, dass den herkömmlichen Statistiken nicht mehr zu trauen ist. Je länger die Menschen Arbeitslos bleiben, desto grösser wird das Zerrbild das die Arbeitslosenämter mitteilen. Das ist auch bei uns in der Schweiz so, da neue Gesetze in diesem Jahr die Rahmenfristen der Versicherten gekürzt haben, wird schneller ausgesteuert als früher -womit die Arbeitslosenzahl relativ dazu Rückläufig ist. Tatsächlich ist auch eine Ausgesteuerter natürlich Arbeitslos, auch wenn er nicht mehr erfasst wird. So werden wir ständig von der Statistik manipuliert und hinters Licht geführt. Besten Dank Hejo für diesen aufschlussreichen Beitrag.

    • Tourist - 30. Dezember 2011

      @ Andreas Müller

      Da hilft nur eins! Die Vollzeiterwerbstätigen ins Verhältnis setzten zur GESAMTbevölkerung! Der restliche Anteil ist dann im wahrsten Sinne des Wortes die Arbeit los!

    • wono - 1. Januar 2012

      in Kombination mit den “Not in Labourforce” und der Entwicklung von SNAP
      kann man sich ja ein Bild von der Situation machen.

      Für einen Großteil der Bevölkerung allerdings im Konjunktiv – die Charts von “Not in Labourforce” und von “SNAP” habe ich noch in keiner der etablierten mainstream Medien jemals zu Gesicht bekommen – dort herrscht größtenteils Volksverblödung auf Talkshow-Niveau….

  • boris - 2. Januar 2012

    danke fuer deine muehe. eigentlich ist es ja nicht so schwer diese luegen aufzudecken – doch wollen ein paar lieber weiterhin partystimmung auf kosten anderer verbreiten. so langsam wuenscht man sich fast einen gewaltigen knall…wenn es nicht wieder die falschen treffen wuerde.