Organismus Weltwirtschaft

von am 7. September 2011 in Allgemein

Gastbeitrag von M.E.

Manchmal kann es erkenntnisfördernd  sein, mal von der aktuellen Detailanalyse abzuweichen und einen völlig neuen Betrachtungswinkel einzunehmen. Dazu kann es sinnvoll sein, ein möglichst treffendes Vergleichsbild zu bemühen, das keineswegs den Anspruch haben muss, alle Details des komplexeren Systems 1 zu 1 wiederzuspiegeln. Dann wäre es ja kein bildlicher Vergleich, sondern eine Kopie des untersuchten Systems. Vergleichen wir deshalb mal das weltweite System der Wirtschaft, des Finanzwesens und der Politik mit einem menschlichen Organismus.

Und zwar zunächst an Hand eines gesunden und leistungsfähigen Organismus und untersuchen dann, woran der Organismus heute krankt und welche „gesundheitlichen“ Gefahren schon heute erkennbar auf ihn zukommen. Die Diagnose wird nicht erbaulich!

Ein gesunder weltwirtschaftlicher Organismus könnte wie folgt beschrieben werden.

Beginnen wir mit dem Herz – nicht weil es das Dominante sein sollte – denn auch ohne Lungen oder Leber kann man nicht leben. Aber es ist bei unserem Patienten das problematischste Organ. Das Herz soll das Banken- und Finanzsystem symbolisieren. Es verteilt das Blut (= Geld/Kredit) im gesamten Organismus durch das Filialsystem des arteriellen Gefäßsystems bis in kleinste Kapillaren an der Peripherie, wo es die Lebensfunktion (= wirtschaftliche Aktivität) sichert und wird durch das venöse Gefäßsystem wieder zum Herzen zurückgeführt (= Schuldentilgung). Dabei ist es wichtig, dass nur dann die Blutmenge, die von den entsprechenden Zellen produziert wird, wachsen kann, wenn der Organismus wächst. Wächst der Organismus nicht, können die blutbildenden Zellen nur eventuelle Blutverluste (= geringe Inflation) ausgleichen.

Die Aufgabe des Blutes (Geldes/Kredites) ist es, Sauerstoff (= NETTO-Energie) von den Lungen im gesamten Organismus zur Verfügung zu stellen. Dazu bedarf es natürlich intakter Lungen und einer Atemluft mit genügend Sauerstoff, also in unserem Fall eben NETTO-Energie.

Weiterhin transportiert das Blut Nährstoffe, Vitamine und Spurenelemente (= Rohstoffe und natürliche Ressourcen) zu allen Organen und dem verzweigten Muskelsystem (= Realwirtschaft), um dort deren Funktion sicherzustellen. Die Nahrung muss alle notwendigen (Roh-)Stoffe enthalten und die Verdauungs- und Stoffwechselorgane (als Teil der Realwirtschaft) müssen gut funktionieren.

Das vegetative Nervensystem (= politisches und administratives Steuerungssystem) muss alle Organfunktionen im Gleichgewicht halten und dafür sorgen, dass mehr Blut an Stellen erhöhter Aktivität im Organismus geleitet  wird, während andere Bereiche bei zeitweiser Inaktivität weniger Blut bekommen. Und es muss die Blutproduktion sinnvoll steuern.

Das Skelett (= Infrastruktur) hat die Aufgabe, die Organe und Gewebe zu stützen und muss ebenfalls intakt sein.

Belassen wir es hier mit der Beschreibung eines gesunden (Wirtschafts-)-Organismus.

Schauen wir uns jetzt den Patienten an, der seit dem Herbst 2008 auf der Intensivstation liegt, die übrigens höchst mangelhaft ausgestattet ist. Zunächst fällt auf, dass das Herz des Patienten enorm vergrößert ist – ein Mehrfaches dessen, was ein gesundes Herz an Größe aufweisen sollte. Durch seine enorme Größe und seine trotzdem nicht sehr große Leistungsfähigkeit benötigt das Herz viel zu viel Blut alleine für sich und raubt den anderen Organen (der Realwirtschaft) den nötigen Platz. Die Herzkranzgefäße sind voll mit Ablagerungen (= faule Kredite und faule Assets), so dass der nächste Infarkt mit anschließendem Herzklammerflimmern und womöglich Herzstillstand bevorsteht. Leider ist der Defibrillator nach der letzten Anwendung vor knapp 3 Jahren kaputt gegangen und ein neuer steht im Notfall nicht zur Verfügung.

Mit der Atmung sieht es auch nicht gut aus. Die Atemluft beginnt langsam sauerstoffärmer (= nettoenergieärmer) zu werden und es lässt sich absehen, dass der Abfall des Sauerstoffgehalts zukünftig noch schneller vorangehen wird. Nur durch immer größere Blutmengen, die zu den Lungen geleitet werden, ist es noch möglich, genügend Sauerstoff (NETTO-Energie) für den stark wachsenden Sauerstoffbedarf des Organismus zur Verfügung zu stellen. Aber ein akuter Sauerstoffmangel zeichnet sich für die Zukunft ab.

Die Verdauung (Zurverfügungstellung von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen) beginnt ebenfalls langsam, Probleme zu bereiten. Etwa die Hälfte de Nahrungsmittelreserve hat der Patient bereits verbraucht und die Nahrung, die noch in der Kammer ist, zeichnet sich durch eine geringere Qualität als das bisher Gegessene aus, gerade was den Anteil an Spurenelementen und Vitaminen angeht (= seltene Metalle, Phosphor, fruchtbares Ackerland, sauberes Süßwasser usw). Zudem klagt der Patient über zunehmendes Hungergefühl, obwohl er ständig  mehr isst. Es ist also zukünftig ein Mangel an essentiellen Spurenelementen und Vitaminen abzusehen.

Das vegetative Nervensystem hat den kranken Organismus nicht mehr im Griff, lässt sich vom Herz Vorschriften machen und bekommt von verschiedenen Organen – insbesondere dem Riesenherz – falsche Signale. Deswegen reagiert es hektisch und unkoordiniert, schwankt zwischen Inaktivität und Hyperaktivität (= zwischen Verschuldungs- und Sparorgien) hin und her und kann die Steuerung der Blutströme nicht mehr regeln. Auch das funktionelle Gleichgewicht der Organe ist außer Kontrolle geraten.

Das Skelett ist an manchen Stellen alt und mürbe geworden und kann seine Stützungsfunktion für den Organismus teilweise nur noch eingeschränkt erfüllen.

Das Wachstum einer üppigen nutzlosen Speckschicht (= parasitärer Verbrauch – insbesondere der Oligarchie, Besitzstandsansprüche der sehr Wohlhabenden, Überrüstung usw) bindet große Mengen an Blut, Sauerstoff und Nährstoffen und belastet den übrigen Organismus stark durch Entzug dieser Stoffe.

So  ist es kein Wunder, dass die blutbildenden Zellen jede Menge Blut produzieren aber immer weniger davon in wichtigen Organen (außer dem Riesenherz und den Lungen) und im Muskelgewebe ankommt. Nicht zuletzt auch wegen der Agonie des vegetativen Nervensystems.

Mit der Muskulatur (Realwirtschaft) ist es besonders eigenartig: an manchen Stellen gibt es einen dramatischem Muskelschwund, während an anderen Stellen ein teils grotesker Muskelaufbau zu beobachten ist.

Die Leber und die Nieren können die Entgiftungsfunktion nur noch eingeschränkt garantieren (= zunehmende Kontamination der Biosphäre und der Nahrungskette mit Schadstoffen).

Außerdem zeigt der Patient septische Reaktionen (= Einspeisung von immer größeren Geldmengen aus den Bereichen der organisierten Kriminalität/Drogenhandel/Waffenhandel).

Die Augen und der Sehnerv des Patienten sind stark geschädigt und das unterversorgte Gehirn liefert Trugbilder (= fehlende oder falsche Analyse und Antizipation).

Was sollte man tun? Herztransplantation und Fettabsaugung wären zum Beispiel sinnvolle Maßnahmen. Leider hat der diensthabende Chirurg keine Erfahrung auf dem Gebiet. Und das würde auch nichts Entscheidendes an den Problemen des sich abzeichnenden Sauerstoff- und Vitaminmangels ändern, ebenso nicht am Skelettsystem oder der Leber- und Nierenschwäche.

Der Patient ist eben reif zum Sterben.

 Was will ich mit dem Bild ausdrücken?

  1. die herkömmlichen Denkschulen der Wirtschaftswissenschaft beschäftigen sich mit der Blutproduktion und dem Herzen und/oder einzelnen Organen, weniger mit dem vegetativen Nervensystem und den Gefäßablagerungen und fast nie mit der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung usw. Sie greifen deshalb zu kurz und frönen dem Tunnelblick.
  2. die Maßnahmen, die diskutiert werden (Stichwort Euro-Rettung, Eurobonds, marginale Finanzmarktreformen usw.) sind längerfristig durch die multiplen Erkrankungen nahezu irrelevant. Sie haben bestenfalls eine geringe zeitaufschiebende Wirkung.
  3. JEDER Organismus hat eine Zeit des Wachstums, der Blüte und des Verfalls. Und des Todes. Ohne jede Ausnahme. Das noch ungeborene Kind des Patienten lernt hoffentlich aus den Fehlern seines Vaters und lebt erheblich bescheidener und gesundheitsbewusster. Oder besser: wir versuchen es mal mit vielen kleinen Einzellern (= dezentrale niedrigkomplexe Organismen). Wenn von denen welche sterben, überleben genug andere.   

Gastbeitrag von M.E.

Kontakt. info.querschuss@yahoo.de

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