Prekäres Wirtschaftswunder

von am 19. Juli 2011 in Allgemein

Heute berichtete das Statistische Bundesamt (Destatis) beschämendes und zugleich bezeichnendes aus dem XXL-Wirtschaftswunderland Deutschland. Im Boomjahr 2010 mit einem realen BIP-Wachstum von +3,6%, dem größten Wirtschaftswachstum seit der Wiedervereinigung, gingen skandalöse 75,4% des Zuwachses bei den abhängig Beschäftigten (Arbeitnehmer) auf das Konto der atypischen Beschäftigungsverhältnisse, wie Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, Teilzeit und befristete Beschäftigung.

Die Qualität des deutschen Wirtschaftsbooms wurde hier im Blog stets an Hand diverser Daten in Frage gestellt, schließlich ist dieses Erfolgsmodell Deutschland auch die andere Seite der Krise der Südperipherie der Eurozone, denn die Nichtteilhabe der deutschen Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt in Deutschland, ist mit dafür verantwortlich, dass die Ökonomien der Südperipherie so extrem gegen die Wand fahren. Gegen eine hochproduktive deutsche Industrie und ihre moderate Belastung aus schwachen Lohnsteigerungen, dem enormen Puffer für Produktionsspitzen durch billige Leiharbeiter und auch anderen schlecht bezahlten und flexibel vorhaltbaren, prekären Arbeitskräften, verlieren die Länder der Südperipherie der Eurozone seit Bestehen des Euro immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit.

Die Daten von Destatis zur atypischen Beschäftigung illustrieren diese fundamentale Fehlentwicklung. Haupttreiber 2010 bei der atypischen Beschäftigung war die Leiharbeit. 56,5% des gesamten Beschäftigungsanstiegs von 322’000 neuen Jobs in Deutschland im Jahr 2010 ging auf das Konto der Leiharbeit. Weitere 18,9% des Aufbaus der gesamten Beschäftigung zum Vorjahr gingen auf andere Arten atypischer Beschäftigungen. Insgesamt wuchs die Zahl der atypisch Beschäftigten um +243’000 zum Vorjahr auf 7,84 Millionen! Darunter verbirgt sich auch der Anstieg von +182’000 Leiharbeitern in 2010.

Treffend auf den Punkt bringt es die Pressemitteilung mit: “Vor allem Zeitarbeit und befristete Beschäftigung wurden von den Unternehmen als Mittel genutzt, um flexibel auf die konjunkturellen Veränderungen zu reagieren.”

Abhängig Beschäftigte in den unterschiedlichen Erwerbsformen in Prozent zum Vorjahr.

Festhaltenswert ist, von 1997, dem Beginn der Datenreihe von Destatis bis 2010 stieg die atypische Beschäftigung von 5,1 Millionen, um +2,735 Millionen, auf 7,835 Millionen an, bzw. der Anteil an allen Arbeitnehmern wuchs von 17,5% auf 25,4%.

Die Normalarbeitsverhältnisse hingegen, definiert von Destatis, als unbefristete sozialversicherungspflichtige Stellen, aus Vollzeit oder Teilzeit mit mehr als 20 h die Woche Arbeitszeit und bei vorhandener Identität beim Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis sanken von 24,020 Millionen im Jahr 1997, bis auf 23,069 Millionen im Jahr 2010 bzw. um -951’000. Der ganzen Dramatik dieser Entwicklung widmete sich bereits der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch die fünf Wirtschaftsweisen genannt, in seinem Jahresgutachten 2008/2009:

“Nähert man sich der Definition des Normalarbeitsverhältnisses weiter an, indem nur die Gruppe der Arbeitnehmer, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, betrachtet wird, so zeigt sich, dass der Anteil dieser Gruppe – einschließlich der Arbeitnehmer in der Arbeitnehmerüberlassung – an allen Arbeitnehmern in Deutschland nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, von 84,3 vH im Jahr 1991 auf 66,3 vH im Jahr 2007 abnahm.” …So viel zum Thema unbefristete Vollzeitstellen vom IAB in Nürnberg. Die Wirtschaftsweisen selber, nähern sich der Entwicklung der Normalarbeitsverhältnisse ohne die Leiharbeiter, ab 15 Jahre und über 65 Jahre, auch per Doppelzählung bei atypischer Beschäftigung wenn dieser als Zweitjob anfällt und das Normalarbeitsverhältnis wird grundsätzlich erst definiert ab 31 h Wochenarbeitszeit. Das Ergebnis:

“Die Anteile der Vollzeitbeschäftigten und der Arbeitnehmer mit einer im Regelfall geleisteten wöchentlichen Arbeitszeit von mehr als 31 Stunden (jeweils bezogen auf alle abhängig Beschäftigten) sind recht ähnlich. So kann das Vorliegen einer Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung über die normalerweise geleistete wöchentliche Arbeitszeit, für die Informationen zur Befristung des Arbeitsvertrags verfügbar sind, approximiert werden. Diese Näherung zeigt, dass in Deutschland der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse an allen Beschäftigungsverhältnissen im Zeitraum der Jahre 1991 bis 2007 deutlich zurückgegangen ist. Gingen im Jahr 1991 noch drei von vier Beschäftigten (75,4%) einer unbefristeten Vollzeittätigkeit nach, so waren es im Jahr 2007 noch 62,1 vH.”

Als Chart, mit der Zahl der Normalarbeitsverhältnisse:

Während laut den fünf Wirtschaftsweisen 1991 noch 25,551 Millionen Normalarbeitsverhältnisse bestanden, unbefristet, sozialversichert und ab 31 h Arbeitszeit die Woche (ohne Leiharbeit), waren es 2007 nur noch 20,869 Millionen! Ein Verlust von -4,862 Millionen Normalarbeitsverhältnissen. Und es dürfte weiter abwärts gegangen sein, denn die Normalarbeitsverhältnisse laut Destatis, unbefristet aber schon ab nur 20 h Wochenarbeitszeit gezählt, sanken von 2007 bis 2010 um -1,421 Millionen und wenn man die Hürde auf 31 h Wochenarbeitszeit legt, fallen sicher noch mehr Normalarbeitsplatzverhältnisse weg.

Quelle: Sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/Jahresgutachten 2008/2009, PDF Seite 449-480

Besonders bitter sieht die Situation für Jugendliche unter 25 Jahre aus, denn diese Generation wächst bereits unter prekären Beschäftigungsverhältnissen auf, so stieg der Anteil an atypischer Beschäftigung lt. Destatis von 2000-2009 um +42% auf 676’000 Jugendliche, während Normalarbeitsverhältnisse nach der weicheren Definition, unbefristet aber bereits nach 20 h Wochenarbeit gezählt, um -24% auf 1,174 Millionen sanken. Was für eine beschämende Entwicklung, bereits 2009 waren 57,6% aller jugendlichen Arbeitnehmer in atypischen Beschäftigungsverhältnissen beschäftigt und dieser Trend dürfte sich 2010 ausgeweitet haben, leider hat Destatis für 2010 keine aktualisierten Daten herausgegeben. Quelle Daten: Destatis.de/Pressemitteilung Nr.281 vom 11.08.2010

Über die Qualität der atypischen Beschäftigung spricht die letzte Verdienststrukturerhebung von Destatis aus dem Jahr 2006 Bände, denn fast jeder zweite atypisch Beschäftigte (49,2%) in Deutschland erhielt einen Lohn unterhalb der Niedriglohngrenze. Die Niedriglohngrenze wird nach OECD-Standards berechnet und gilt, wenn ein Beschäftigter weniger als zwei Drittel des Medians aller erfassten Bruttostundenlöhne verdient. Im Jahr 2006 lag die Niedriglohngrenze bei 9,85 Euro Brutto je Arbeitsstunde. Nicht unwahrscheinlich, dass aktuell das Niveau der Niedriglohngrenze weiter gefallen ist, leider wird die Verdienststrukturerhebung nur unregelmäßig alle paar Jahre erhoben. Quelle: Destatis.de/PDF Verdienststrukturerhebung 2006
 
Boomen tut es hier:
Die Entwicklung der Zahl der Leiharbeitnehmer bis Juni 2010 laut der Zeitreihe der Bundesagentur für Arbeit (BA) aus der Primärerhebung und die Fortschreibung der Daten durch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bis April 2011. Im April 2011 lag die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland bei 873’000.
Passend zu den beschämenden Daten der atypischen Beschäftigung berichtete heute die Berliner Zeitung unter Berufung auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass im Durchschnitt aller Beschäftigten Arbeitnehmer die Netto-Reallöhne von 2000 bis 2010 um -2,5% gesunken sind. Dies ist hier ein alter Hut, denn in diversen Artikeln in den Querschuessen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass laut der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, so auch in Q1 2011 die realen Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer sogar um -5,9% unter dem Niveau des Jahres 1991 liegen:
Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1991. In Q1 2011 ging es weiter abwärts, um -18,52 Euro, auf preisbereinigte durchschnittliche 1’414 Euro (2005=100) und damit lagen in Q1 2011 die realen Nettolöhne um -2,99% unter dem Niveau von 2000. Zwei Jahrzehnte ohne Partizipation der Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt, so die nüchterne Bilanz aus den Daten der VGR!
Neu ist, leider nicht wirklich überraschend, dass laut DIW hervorgehend aus den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), vor allem die realen Nettolöhne von Geringverdienern seit 2000 schrumpften, um bis zu -22%!
Das schiefe Wirtschaftsmodell Deutschlands im Chart:
Die Entwicklung der realen saisonbereinigten Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q1 2011. Während die realen Exporte seit 2000 bis Q1 2011 um +74,96% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +5,02% und die realen Arbeitnehmerentgelte lagen sogar immer noch um -0,8% unter dem Niveau von 2000! Zum Vergrößern bitte die Grafik zweimal anklicken.

Die Arbeitnehmerentgelte spiegeln die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber wider.

Es ist immer wieder bemerkenswert, welch eine schäbige Entwicklung in einem vermeintlichen Wirtschaftsboom, selbst offizielle Daten dokumentieren.

Quelle Daten: Destatis.de/Pressemitteilung atypische Beschäftigung 2010, Berliner Zeitung/Gehälter sinken im Aufschwung, Genesis.destatis.de/Datenbank Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Bza.de/PDF: IW Zeitarbeitsindex, Statistik.arbeitsagentur.de/Zeitreihe der Bundesagentur für Arbeit (BA)

Nachtrag:

Die Entwicklung des monatlichen deutschen Exportvolumens in Mrd. Euro bei Waren und Gütern in die Eurozone im Chart seit Januar 1999. Im breiteren Zeitraum Januar bis Mai 2011 stieg das Exportvolumen auf 177,31 Mrd. Euro, im Vergleichszeitraum 1999 waren es 94,66 Mrd. Euro.

Die Entwicklung der deutschen Leistungsbilanz gegenüber den PIGS (Portugal, Italien, Griechenland und Spanien) seit Q1 1971 im Chart. Seit der Einführung des Euro als Bargeld Anfang 2002 kumuliert sich bis Q1 2011 ein deutscher Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den PIGS in Höhe von +385,048 Mrd. Euro, nur gegenüber Frankreich kommen nochmal +239,483 Mrd. Euro dazu!

Die Entwicklung der Lohnstückkosten (Lohnkosten je produzierter Einheit) seit dem Jahr 2000 bis Q1 2011 von Deutschland, den PI(I)GS-Staaten und anderer ausgewählter Volkswirtschaften. Deutschlands nominale Lohnstückkosten stiegen nur um +3,96% seit 2000 an und damit hat Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit nicht nur gegenüber den PI(I)GS-Staaten gravierend weiter verbessert. Gerade die Divergenz bei der Entwicklung der Lohnstückkosten innerhalb der Eurozone, unter dem Dach einer Währung ist ein gravierendes Problem und unhaltbar.

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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