Schwache chinesische Exporte?

von am 10. Dezember 2011 in Allgemein

“Chinas Exporte mit schwächsten Wachstum seit 2009″ titelt Bloomberg, zu den am Samstag veröffentlichten Außenhandelsdaten der chinesischen Zollbehörden (General Administration of Customs), die Welt-Online titelt mit “Chinas Exportwachstum bremst spürbar ab” und die “alternativen” Deutsche MittelstandsNachrichten titeln “Euro-Krise löst Einbrüche bei Chinas Exporten aus”. Regelrecht dramatisch dabei der Grundtenor des gesamten Artikels der Deutsche MittelstandsNachrichten. In der Realität sind jedoch die chinesischen Exporte trotz sicher schwierigen Umfelds um +13,8% zum Vorjahresmonat gestiegen.

Die Wachstumsrate schwächt sich zwar ab, nur muss man vielleicht auch mal das bereits absolut erreichte Exportvolumen betrachten, logisch das auf diesen Niveaus die Raten nicht mehr mit +30% aufwärts explodieren können. Im November 2011 wurden jedenfalls Waren und Güter in einem Volumen von 174,46 Mrd. Dollar exportiert, das zweithöchste Exportvolumen in einem Monat in der Geschichte Chinas, nur knapp unter dem bisherigen Rekordexportvolumen aus Juli 2011 mit 175,13 Mrd. Dollar.

Anlass des Alarmismus, eine schwächelnde Wachstumsrate beim Exportvolumen von “nur” +13,8% zum Vorjahresmonat. Die prozentuale Veränderung bei den unbereinigten Originalwerten des chinesischen Exportvolumens bei Waren und Gütern im Vergleich zum Vorjahresmonat seit Januar 2000 im Chart.

Die “geplatzte” chinesische Exportblase in Aktion! Im Chart das monatliche unbereinigte Exportvolumen von Waren und Gütern in Mrd. Dollar seit Januar 1990 (damals mit 2,84 Mrd. Dollar an Exportvolumen), über 16,8 Mrd. Dollar im Januar 2000, auf 109,48 Mrd. Dollar im Januar 2010. Im November 2011 lag das Exportvolumen bei Waren und Gütern bei 174,46 Mrd. Dollar. Das bisherige Hoch wurde im Juli 2011 mit 175,13 Mrd. Dollar markiert.

Dieser Chart dokumentiert eine ungeheure Dynamik beim Export chinesischer Waren und Güter in den letzten beiden Jahrzehnten und das so ein Anstieg mittel- bis langfristig nicht fortführbar ist dürfte klar sein, nur sollten bei seröser Berichterstattung die aktuellen Daten und der ausgemachte Einbruch auch in einem  Zusammenhang stehen.

Das unbereinigte monatlichen Export (rot)- und Importvolumen (blau) seit Januar 1990 bis November 2011 im Chart.

Chinas Importwachstum verringerte sich auf +22,1% zum Vorjahresmonat, allerdings wurde mit den importierten Waren und Gütern im Wert von 159,94 Mrd. Dollar ein neues Allzeithoch markiert!

Vom größten chinesischen Handelspartner der EU27 wurden im November 2011 Waren und Güter im Wert von 19,232 Mrd. Dollar importiert, die Exporte aus China betrugen 30,998 Mrd. Dollar (ein Handelsüberschuss von +11,766 Mrd. Dollar und zu Deutschland ein Defizit von -1,968 Mrd. Dollar). Aus den USA betrugen die Importe 11,491 Mrd. Dollar, die Exporte dorthin betrugen 30,945 Mrd. Dollar (ein Handelsüberschuss von +19,454 Mrd. Dollar). Im Gegensatz dazu, wurde ein Defizit im Handel mit Waren und Gütern gegenüber den ASEAN-Staaten (-0,731 Mrd. Dollar), Japan (-2,081 Mrd. Dollar) und Südkorea (-7,104 Mrd. Dollar) erzielt.

Die chinesischen Exporte in die EU27, dem immer noch größten Außenhandelspartner schwächten sich zwar ab und stiegen nur um +5,0% zum Vorjahresmonat und vor allem Italien spielte dabei eine negative Rolle mit bemerkenswerten -23% zum Vorjahresmonat, aber in der Summe wachsen selbst in die EU27 noch die Exporte und das Niveau von 30,998 Mrd. Dollar ist immer noch enorm und andere Märkte kompensieren diese latente Wachstumsschwäche.

Im Handel mit der gesamten Welt schrumpfte, auf Grund des starken Importvolumens Chinas, der Handelsbilanzüberschuss im November leicht auf 14,52 Mrd. Dollar, nach +17,03 Mrd. Dollar im Vormonat:

Die Entwicklung der Handelsbilanz bei Waren und Gütern seit Januar 2002 im Chart.

In den ersten 11 Monaten verringerte sich der Handelsbilanzüberschuss Chinas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um -17,57% auf +141,33 Mrd. Dollar.

Wie enorm stark die Stellung Chinas als Werkbank der Welt weiterhin ist, verdeutlicht der Handelsbilanzüberschuss den das Verarbeitende Gewerbe im den ersten 11 Monaten 2011 erzielte, er schwoll um +14,1% zum Vorjahreszeitraum an, auf unglaubliche +330,820 Mrd. Dollar, während die kumulierte gesamte Handelsbilanz einen Überschuss von nur +141,330 Mrd. Dollar in den ersten 11 Monaten 2011 generierte!

Noch ein Blick auf die Rohstoffimporte:

Die chinesischen Rohölimporte stiegen im November 2011 leicht auf 22,7 Millionen Tonnen, dies entsprach 5,52 Millionen Barrel pro Tag, nach 20,8 Millionen Tonnen im Vormonat und nach 20,9 Millionen Tonnen im Vorjahresmonat.

In den ersten 11 Monaten 2011 stiegen die Ölimporte um +5,6% zum Vergleichszeitraum des Vorjahres an, auf 230,63 Millionen Tonnen.

Die Entwicklung der Eisenerzimporte seit August 2005 im Chart.

Die Einfuhren von Eisenerz stiegen im November 2011 auf 64,20 Millionen Tonnen nach 49,94 Millionen Tonnen im Vormonat und nach 57,38 Millionen Tonnen im Vorjahresmonat. In den ersten 11 Monaten 2011 stiegen die Eisenerzimporte um +11,1% zum Vorjahresmonat auf 622,41 Millionen Tonnen.

Beim größten Kupfer-Verbraucher der Welt stieg das Importvolumen von Kupfer und Kupferlegierungen in Rohform im November 2011, auf 452’002 Tonnen, nach 383’510 Tonnen im Vormonat und nach 351’597 Tonnen im Vorjahresmonat. Das bisherige Allzeithoch wurde im Juni 2009 mit 477’220 Tonnen markiert.

Diese starken Außenhandelsdaten lassen sich nicht zu Schwäche uminterpretieren, weiterhin leistet China einen starken, vielleicht sogar den entscheidenden stabilisierenden Beitrag zur Weltwirtschaft. Das chinesische Modell, einer zentral gelenkten Marktwirtschaft mit 5 Jahresplänen, in denen volkswirtschaftliche Ziele formuliert und dann auch umgesetzt werden, erscheint per Saldo, dem angelsächsischen Modell oder dem der Eurozone deutlich überlegen, auch wenn natürlich Chinas rasanter Aufstieg ebenfalls von Risiken und Verwerfungen begleitet wird und Nachhaltigkeit vermissen lässt.

Quelle Daten: Customs.gov.cn/Pressemitteilung Außenhandel November 2011, Customs.gov.cn/Portal mit den detaillierten Daten

 Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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18 KommentareKommentieren

  • chotschen - 10. Dezember 2011

    Von einer Schwäche sollte man wirklich nicht reden. So ein Wachstum ist unter den Bedingungen schon beachtlich. Außerdem muss man anmerken, dass der effektive Leistungsbilanzüberschuss deutlich zurückzugehen scheint, weil die Importe so stark zugelegt haben. Vielleicht orientiert sich die chinesische Wirtschaft auch ein wenig stärker hin auf die Binnenachfrage. Entsprechende Preiserhöhungen durch höhere Löhne könnten dann erklären, warum die Exporte ebenfalls nicht mehr so ziehen, während die Importe stark zulegten.

  • Bazooka - 10. Dezember 2011

    @Querschuss

    Von welchen Quellen hast du denn die ganzen Zahlen und Infos her?

    • Querschuss - 10. Dezember 2011

      Hallo Bazooka,
      der Quellennachweis steht doch unten im Artikel.

      Gruß Steffen

  • Roland - 10. Dezember 2011

    Die starken Kupfer – und Eisenerzimporte deuten auf eine weiterhin lebhafte Bautätigkeit hin.
    Au Backe.
    Sicher, China wird von klugen Leuten geführt.
    Die Zwickmühle aber ist schwierig. Einerseits müsste stark in den Inlandskonsum umgelenkt werden, was aber deutliche Lohnerhöhungen bedingt – mit allen zusätzlichen Folgen für den Export, der bei einer sich anbahnenden Rezession in Gesamt-Europa sowieso bald belastet sein wird.

    Als Wirtschafts-”Lokomotive” fehlen China die PS .

  • bauagent - 10. Dezember 2011

    Zitat Querschuesse:

    “Das chinesische Modell, einer zentral gelenkten Marktwirtschaft mit 5 Jahresplänen, in denen volkswirtschaftliche Ziele formuliert und dann auch umgesetzt werden, erscheint per Saldo, dem angelsächsischen Modell oder dem der Eurozone deutlich überlegen, auch wenn natürlich Chinas rasanter Aufstieg ebenfalls von Risiken und Verwerfungen begleitet wird und Nachhaltigkeit vermissen lässt.”

    Wieder einmal eine tolle Aufbereitung mit dem richtigen Hinweis, dass unsere MSM bewusst die Erfolge der chinesischen Wirtschaft tot reden, weil es im Moment in ´s Umfeld passt.

    Andererseits kann man die Einschätzung, dass die zentrale Lenkung der Volkswirtschaft wie oben beschrieben den europäischen und anglo-/ amerikanischen überlegen ist, wohl auch als klare Fehleinschätzung einsortieren.

    1) Erstens sind die Chinesen durch eine gewollte Verlagerung der Produktion durch den dekadenten Westen in die erlauchte Position des Gewinners der Globalisierung gelangt.

    Die Fehleinschätzung der Globalisierer bestand ja in der Annahme, dass man sich am Wallstreet-Schreibtisch, der in Asien erarbeiteten Erlöse bemächtigen kann, ohne einen Finger krumm zu
    machen. Die viel gelobte Margret Thatcher glaubte dies ja auch und Cameron darf es jetzt ausbaden..

    2) Die o.e.Weltzonen sind grundsätzlich nicht vergleichbar, weil sie sich in unterschiedlichen Entwicklungs-Zyklen befinden. Vor Eintreten erster Sättigungen hat es unter dem Begriff ” soziale Marktwirtschaft ” durchaus Länder mit parlamentarischer Demokratie gegeben, die man als Erfolgsmodell bezeichnen kann.
    z.B. Deutschland mit L. Erhardt bis Prof. Karl Schiller. Wanderarbeiter waren da auch nicht für
    Erfolge nötig.

    Wir werden bald erleben, dass die Planwirtschaft in China auf größte Verwerfungen stößt

    Ich bin eher skeptisch, dass in einer Planwirtschaft soviel Innovationsfähigkeit aktiviert wird, um sich erfolgreich diesen Herausforderungen zu stellen.

    Neben der reinen volkswirtschaftlichen Betrachtung, darf die politische Situation, die genauso für eine tragfähige Gesellschaft erforderlich ist, nicht außer Acht gelassen werden.

    • Querschuss - 10. Dezember 2011

      Hallo Bauagent,
      “Vor Eintreten erster Sättigungen ….” Das die Ursache der Wachstumsschwäche in den USA, UK oder der Eurozone eine Sättigung des Marktes sein soll, halte ich für ein weit verbreitetes aber falsches Gerücht. Die 46 Millionen Food Stamps Empfänger, den Massen von Arbeitslosen in Spanien, den laut ILO auf 20% anschwellenden Anteil der griechischen Bevölkerung an der Armutsgrenze usw. hätten genug Konsumbedürfnisse, es fehlt nur an Einkommen und Wertschöpfung aus der die Jobs kommen müssen.

      Unterstellen wir mal China hatte als Ziel die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anzuheben, dann waren sie sehr erfolgreich, die Südperipherie der Eurozone eben nicht. Ich behaupte Mal das unter der zentral gelenkten Marktwirtschaft in China ein Absturz wie in Griechenland aktuell nahezu unmöglich wäre. Die nächsten Jahre werden es zeigen, ob meine Einschätzung richtig ist. Die China Crash-Propheten jedenfalls, liegen nun schon 3-4 Jahre falsch und sie tun es auch aktuell.

      Gruß Steffen

      • Holly01 - 11. Dezember 2011

        Gut gebrüllt Löwe. Der Westen ist immer noch viel zu arrogant und neigt immer noch fatal dazu andere Regionen zu unterschätzen.
        Wenn die tatsächlichen Wirtschaftsgrößen, ohne Schulden und Scheinwachtum sich eingestellt haben werden, dann sieht die Welt ganz anders aus.
        Danke für das glänzend bereitete Zahlenmaterial.

  • georg - 10. Dezember 2011

    ein system das existentiell auf exponentiellem wachstum basiert kann kein vorbild sein, ist sogar gefährlich für den rest des planeten ( nicht nur für den deutschen export )
    GRUSS GEORG

  • MeisterEder - 10. Dezember 2011

    Man muss noch hinzufuegen dass die Aussenhandlesdaten vom Chinesischen Zoll wahrscheinlich sogar unterdeklariert sind. Ich arbeite viel mit Chineischen Lieferanten zusammen, und die muss man foermlich zwingen den Warenwert korrekt zu deklarieren.
    Unterdeklaration hat bei denen oft den Vorteil dass die Warensendung schneller bearbeitet wird und Exportzoelle geringer ausfallen. Also China ist im Zweifelsfall staerker als es die ofiziellen Daten belegen.

    mfg
    MeisterEder

  • bauagent - 10. Dezember 2011

    Hallo Steffen,

    Zitat

    Unterstellen wir mal China hatte als Ziel die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anzuheben, dann waren sie sehr erfolgreich, die Südperipherie der Eurozone eben nicht. Ich behaupte Mal das unter der zentral gelenkten Marktwirtschaft in China ein Absturz wie in Griechenland aktuell nahezu unmöglich wäre. Die nächsten Jahre werden es zeigen, ob meine Einschätzung richtig ist. Die China Crash-Propheten jedenfalls, liegen nun schon 3-4 Jahre falsch und sie tun es auch aktuell.

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    Genau hier liegt m.E. der Denkfehler hinsichtlich der angenommenen Vergleichbarkeit dieser Länder.

    Während China lange Zeit auf Kosten der importierenden Länder ihre Währung beliebig anpassen konnte, mussten die von Dir als Beispiel angeführten Länder nicht nur unter dem Zwang der europäischen Industrieoligarchie jeden Mist kaufen, den sie sonst hätten anderweitig einsetzen können; sie mussten sich auch noch in ein Währungs-Korsett pressen lassen, dass sie jetzt beginnt aufzufressen. Konnte Portugals Schuhindustrie so ernsthaft konkurrieren?

    Unbenommen der Tatsache, dass China als Werkbank große Erfolge auf Kosten seiner Bürger einfahren konnte stellt sich die Frage, ob bei langsamerem Fortschritt der Globalisierung, Länder wie Griechenland und Portugal ohne Euro nicht möglicherweise ebenfalls als Werkbank ähnlich erfolgreich gewesen wären. Abgesehen von der für Europa besseren Logistik.

    Wir können hier nur spekulieren.

    An der Vernunft orieniert muss man Dir selbstverständlich folgen, dass die zukünftigen Verwerfungen, wie das Platzen der Immobilienblase, dort nicht die Welt untergehen läßt. Jedoch dürfte China aufgrund des extrem niedrigen Lohnniveaus durchaus mit erheblichen Problemen in der Bevölkerung zu kämpfen haben.

    Ich habe mich vom Ungleichgewicht vor Ort in einem mehrwöchigen Aufenthalt selbst überzeugen können. Da steckt auf jeden Fall eine Menge Treibstoff drin.

    Übrigens sollte man bei dieser Gelegenheit auch einmal deutlich machen, dass die Ängste, die hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Chinesen in Europa aufgebaut worden sind, völlig übertrieben sind.

    Ich bin zwar kein Ingenieur und kann nur in Verbindung mit den Gesprächen meines Kollegen mit seinen chinesischen Ingenieuren die Qualität abschätzen. Wenn bei einer Erstinbetriebnahme einer technischen Anlage 10 chinesische Ingenieure mit großen Augen vor Druckmanometern stehen und nicht wissen, was dieses Instrument anzeigt, dann ist wohl die Mär vom alles fressenden ” Chinesischen Wunders ” dem Wunsch der europäischen Industrieoligarchie geschuldet, den Menschen hier Angst zu machen, damit sie nicht auf die Idee kommen, nach höheren Einkommen zu schreien.

    Noch heute fliegt mein Kollege alle 4 Wochen runter ( mittlerweile zahlt das chinesische Unternehmen dafür ) und muss Einweisungen durchführen, die selbst in Brasilien, Spanien oder
    Portugal mit den 3 kostenlosen Einweisungen “abgefrühstückt” waren.

    Selbst in meinem Key Acount Bereich war es bisher einfacher in Spanien auf Augenhöhe den wirtschaftlichen Einsatz dieser Großanlagen zu transportieren, als in China, wo die Qualität der Gesprächspartner von 10 auf 100 % beliebig wechselt.

    Es findet also immer noch jede Menge Know-How Transfer statt, der auch dort ( noch ) nötig ist.

    • Querschuss - 10. Dezember 2011

      Hallo Bauagent,
      ich glaube du interpretierst in mein Geschriebenes zu viel rein. Ich denke einfach, wenn es China gelang und gelingt industrielle Wertschöpfung zu organisieren, sollte es möglich sein, dies auch in der Südperipherie unter der richtigen Agenda hinzubekommen, erst Recht auf dem aktuell armseligen Niveau dort.

      Gruß Steffen

    • aquadraht - 11. Dezember 2011

      Einiges, was Du beschreibst, kenne ich gut, und zwar sowohl aus China wie auch aus Indien, Indonesien, verschiedenen afrikanischen Ländern, und selbst Lateinamerika, wenn man mit Kollegen (bei mir in der IT) von dort zu tun hat. Deine Vertrieblerperspektive ist vermutlich noch etwas verengter, bei Key Accounter hats bei mir geklingelt, das erklärt einiges.

      Mach Dir bitte einmal klar, dass 90% der Menschen, mit denen Du in China Umgang hast, erst in der ersten, höchstens zweiten Generation Stadtbewohner sind. Zu Beginn der Reformperiode Ende der siebziger Jahre lebten 80% der Chinesen auf dem Land, das heisst, von damals einer Milliarde Chinesen waren etwas über 200 Millionen Stadtbewohner. Das waren mehrheitlich einfache Arbeiter, und fast die Hälfte davon hatte vorher auf dem Land gelebt und war erst nach 1949 – trotz der Zuzugsbeschränkungen – in die Städte gekommen, in denen krasse Wohnungsnot herrschte.

      Heute leben mehr als die Hälfte der knapp 1,4 Milliarden Chinesen in Städten. Rund 150 Millionen davon sind Wanderarbeiter mit Hukou in ländlichen Regionen, etwa ebenso viele zählen mittlerweile zur Mittelklasse.

      Ich erwähne das alles, damit klar wird, woran es liegt, dass in der Tat die Qualität der Fachkräfte zwischen 10 und 100% dessen schwankt, was man in Industrieländern gewohnt ist. Auch wenn über 70% der Schüler eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben und die Prüfung, der gao kao, wirklich hart ist, sind das nicht alles Abiturienten auf unserem Niveau, und auch die Qualität der Universitäten schwankt extrem. Dazu kommen natürlich Korruption und Nepotismus (Guanxi).

      Mach es Dir bitte klar, auch wenn Niebel und die Bildzeitung da schäumen: China ist immer noch ein Entwicklungsland. Komischerweise sind es die Chinesen selbst, die das stets betonen.

      Mit der europäischen Südperipherie ist das nicht zu vergleichen. Die hat die Entwicklungen, die China im Schweinsgalopp durchmacht, schon rund ein Jahrhundert hinter sich. Sie wird nur gerade in den Status von Entwicklungsländern und Halbkolonien zurückgestossen.

      a^2

  • SLE - 11. Dezember 2011

    Georg Trappe hat Recht. Die chinesische Führung darf man nicht überschätzen. Sie bewegt sich mit ihrem Steuerungskonzept auch nur innerhalb der bekannten und erprobten Steuerungsmöglichkeiten, die sich aber als unzulänglich erwiesen haben – die ehedem ewährten ökonomischen Theorien und Modelle sind an der Finanzkrise gescheitert. Mehr tut sie nicht. Mag sein, dass sie dabei bisher geschickter vorgegangen ist (bzw. klug kopiert hat). Es spielt dabei wohl auch eine nicht zu unterschätzende Rolle, dass es dort eben eine zentralstaatliche Steuerung gibt. Das ist in Krisensituationen prinzipiell ein Vorteil. Außerdem wird dort auch – und zwar massiver als in den USA – gesteuert, was und welche Daten an die Öffentlichkeit gelangen. Es ist also ein geschöntes Bild, das uns von China präsentiert wird.

    Eine Lösung für die ökonomischen, also die Märkte betreffenden Probleme, die im Kern dieselben wie die der entwickelten Industriestaaten sind, weil China Teil des globalen Marktes ist und die Georg Trappe aus meiner Sicht zutreffend skizziert hat, hat die chinesische Führung aber auch nicht.

    Gruß
    SLE

    • aquadraht - 13. Dezember 2011

      Überschätzen sollte man niemanden. Wenn ich allerdings lese, die chinesische Führung bewege sich mit ihren Steuerungsmöglichkeiten innerhalb der bekannten und erprobten Möglichkeiten, muss ich doch etwas den Kopf schütteln und habe wohl bisher SLE ein wenig überschätzt.

      Die chinesische Führung hat vor 33 Jahren ein Perspektivprogramm für die nächsten 70 Jahre entworfen, aus der Feder von Deng Xiaoping, das unter anderem die grundlegende Modernisierung der chinesischen Wirtschaft und Gesellschaft vorsah mit dem Ziel, bis 2050 zum Niveau der entwickelten Industrieländer aufzuschliessen. Bislang wurden die projektierten Ziele erreicht, sogar deutlich vorfristig.

      Als erste Etappe wurde die staatssozialistische Wirtschaft in eine gesteuerte Marktwirtschaft umgewandelt. Vorher hatten die chinesischen Ökonomen alle möglicherweise relevanten wirtschaftswissenschaftlichen und wirtschaftstheoretischen Beiträge aller Richtungen, es wurden nicht nur Bucharins Ökonomik der Transformationsperiode und die Beiträge Preobrashenskis und Trotzkis zur Industrialisierungsdebatte der UdSSR ins Chinesische übersetzt, sondern auch die gesamte “Sozialismusdebatte” der westlichen Wirtschaftswissenschaften der dreißiger Jahre, auch die Beiträge von Mises und Hayek. Sie kamen damals zu dem Ergebnis, gar nicht richtig zu wissen, was Sozialismus ist, wie Deng Xiaoping schrieb.

      Immerhin hat China nicht nur den Umbau der Gesellschaft zu einer Marktwirtschaft bewerkstelligt ohne Millionen Tote wie im System Gaidar/Yelzin (vgl.
      http://www.exile.ru/articles/detail.php?ARTICLE_ID=6913&IBLOCK_ID=35), es hat in diesem Prozess eine in der Geschichte der Weltwirtschaft einzigartige Wohlfahrtssteigerung bewerkstelligt, und das seit 33 Jahren ohne zyklische Krisen oder Rezessionen. Mal ein Hinweis für Georg Trappe: Das BIP/Kopf von Thailand betrug 1990 1420 US-$, das der VR China 360$, 2010 lagen sie mit 4992 vs 4382$ eng beieinander. Thailand war in den 90er Jahren ein paar Jahre das am schnellsten wirtschaftlich wachsende Land der Welt, hat dann Rezessionen mit zum Teil -10% BIP-Rückgang durchlitten.

      Die Probleme, die China in der Vergangenheit zu bewältigen hatte, waren möglicherweise schwerwiegender als die, vor die es sich jetzt gestellt sieht. Die Fähigkeiten und Leistungen, die die Chinesen dabei zeigen, liegen nicht an “Genialität”, sondern an Entschlossenheit, Experimentierbereitschaft und Vorurteilsfreiheit. Tugenden, die nicht nur unserer Wirtschaftspolitik abgehen, sondern -vor allem letzteres – auch in vielen Debatten in diesem Forum durchscheinen. Entscheidend ist aber die wirtschaftspolitische Unabhängigkeit, die sich das Land selbst in seinen widersprüchlichsten Perioden nach 1949 stets bewahrt hat.

      Die nächsten Jahre werden für die gesamte Weltwirtschaft sehr schwierig. China traue ich aber am ehesten zu, sie ohne schwere Erschütterungen durchzustehen.

      a^2

  • aquadraht - 11. Dezember 2011

    Natürlich ist Chanos ein Schaumschläger, ein schmieriger Verkäufer und Dummenfänger. Seine Behauptung “those restructuring receivables are equal to over 100% of their tangible book” gemeint sind Bonds aus der Restrukturierung der Staatsbetriebe Ende der 90er Jahre und einer weiteren Restrukturierung im Finanzsektor 2004. Man kann Chanos’ Behauptung so lesen, die Aktiva der ABC bestünden zu 100% aus solchen Papieren, die übrigens bedient werden, von den restrukturierten Unternehmen, die meist in anderen SOE aufgegangen sind. Nun hat die ABC per Dezember 2010 Aktiva von 1,57 Bill. US-$, das chinesische BIP von 1999 betrug 1,08 Bill. USD, das von 2004 1,93 Billionen. Der Umfang der notleidenden Kredite restrukturierter Unternehmen machte zusammen vielleicht 200 Mrd. USD aus, und die sind mitnichten alle bei der ABC gelandet. Chanos lügt also oder saugt sich was aus den Fingern.

    Chanos ist ein Dummenfänger, der mit Effekthascherei Kunden für seine Spekulationsgeschäfte lockt. Er bedient dabei geschickt antichinesische und antikommunistische Vorurteile. Zur Sicherheit betont er obendrein, sich nie mit der chinesischen Wirtschaft und Wirtschaftspolitik befasst zu haben.

    a^2

  • Georg Trappe - 12. Dezember 2011

    @Steffen
    Ich denke auch China hat noch Luft nach oben, erhebliche sogar. Zumal ihr “Wirtschaftswunder” das Privileg der “spaeten Geburt” geniesst. Aber wenn sie nicht ein sehr gut gehuetetes Geheimnis haben und etwas wesentliches von ihren Vorreitern gelernt haben, dann laufen sie in die selbe Sackgasse wie eben diese Vorreiter auch.
    Desweiteren sehe ich bei den Schwellenlaendern, die diese Entwicklung sozusagen im Zeitraffer durchlaufen ein weiteres Muster, was das “Wirtschaftswunder” frueher bremsen oder gar abbrechen kann. Und das ist die Ungleichverteilung und das Tempo ihrer Entwicklung. Ich sehe das z.B. in Thailand. Die haben auch fast alles richtig gemacht und nach der Asienkrise eine enorme Entwicklung hingelegt. Aber 50% der Bevoelkerung lebt von der Landwirtschaft obwohl diese nur 9% zum BIP beitraegt. Die innenpolitische Situation, die draus entsteht ist alles andere als stabil und kann dem “Wirtschaftswunder” durch Buergerkrieg ein rasches Ende setzen (waere beinahe passiert und die Kuh ist noch lange nicht vom Eis). Diese massive Diskrepanz der regionalen Entwicklung und die daraus entstehenden inneren Spannungen sehe ich in China auch potentiell und da frage ich mich, wie lange die Genies in Peking das unter Kontrolle halten koennen.
    Gruesse
    GT

  • Michael S - 12. Dezember 2011

    @Steffen
    Ja, ich würde das genauso sehen. Wobei du einen wichtigen Punkt anspricht. Wenn die interne Verschuldung weiter zu nimmt- Immorettung, Konjunkturprogramme- könnten die Chinesen gezwungen sein ihre Devisenreserven einzusetzen… Das wird dann für die Dollar und Euro Wechselkurse wohl nicht so prickelnd…

  • Thomas - 12. Dezember 2011

    Hallo Steffen,
    mal wieder ein Querschuss in die Wunde unseres Schmerzes!
    Diese Zahlen belegen, wo die Reise hingeht, da können wir jammern wie wir wollen oder unseren Zweckoptimismus frönen.
    Zwischen 1999 und 2002 wurden Chinesen in deutschen Unternehmen herzlich willkommen geheisen, um sie anzulernen und mit deutscher Technologie vertraut zu machen, um mit ihnen dann als Teilhaber in China Dependacen zu eröffnen (so die Hoffnung). Das war unsere deutsche Wirtschaftspolitik Ich habe noch einen Zeitungsartikel eines Wettbewerbers, der ganz stolz war zu sagen, dass die Ausbildung des Chinesen natürlich das Kennenlernen sämtlicher Fertigungabläufe und -verfahren mit einschliesst…
    Im Übrigen hat die deutsche Firma seit ein paar Jahren keine Dependance mehr in China und exportiert auch nicht mehr dorthin.
    Und wenn China im nächsten Jahr auf große Einkaufstour (Firmenaufkäufe und Beteiligungen) geht, na dann…

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