Schwacher Auftragseingang in Griechenland und Spanien

von am 22. Dezember 2011 in Allgemein

Während ein unhaltbares Banken- und Finanzsystem mit hunderten Milliarden Euro an frischer Liquidität von der EZB künstlich am Leben erhalten wird, verreckt die Realwirtschaft in der Südperipherie der Eurozone weiter. Das griechische Statistikamt ELSTAT gab am Dienstag die Daten zum Auftragseingang der Industrie für den Monat Oktober 2011 bekannt. Im Vergleich zum bereits schwachen Vorjahresmonat sank der unbereinigte gesamte Auftragseingang um kräftige -15,8%, vor allem die Inlandsaufträge dokumentieren weiter den desaströsen Zustand der griechischen Wirtschaft, denn die unbereinigten Inlandsaufträge brachen selbst auf dem sehr niedrigen Niveau um -26,4% zum Vorjahresmonat ein. Auch die unbereinigten Auslandsaufträge brechen nun ein, um -14,2% zum Vorjahresmonat. Die Desasterzone bleibt intakt und spult die nächste Runde in der organisierten Abwärtsspirale ab.

Im Chart die saisonbereinigten Inlandsaufträge der griechischen Industrie von Januar 2000 bis Oktober 2011. Im Oktober 2011 sanken die saisonbereinigten Inlandsaufträge um -2,8% zum Vormonat und um -26,4% zum Vorjahresmonat, auf 60,56 Indexpunkte und damit auf den tiefsten Stand seit Beginn der Datenreihe im Januar 2000. Um satte -33,3% liegt man bei den Inlandsaufträgen unter den durchschnittlichen Niveau des Jahres 2000. Vom Hoch im Juni 2008 mit 119,14 Indexpunkten betrug der Einbruch bis Oktober 2011 unfassbare -49,2%!

Der Absturz der Inlandsaufträge für die griechische Industrie ist klares Ergebnis der Austeritätsmaßnahmen, Sparmaßnahmen die bei einer völlig unterentwickelten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, durch drastische Einkommensverluste und Konsumkontraktion nahezu zu einem Kollaps der Reste der Industrie führen. Aber auch keine noch so eindeutige Versagerstrategie, gemessen am Ergebnis, ist für die Troika (IWF, EU und EZB) Grund genug, dass bisherige Handeln zu hinterfragen oder gar Korrekturen vorzunehmen. Und somit wird mit jedem Monat wo Griechenland unter dem Korsett des Euro und der Versagerstrategie der Troika steckt, die Wahrscheinlichkeit eines griechischen Zahlungsausfall und damit eines Maximalschadens erhöht.

Im Chart die saisonbereinigten Auslandsaufträge der griechischen Industrie von Januar 2000 bis Oktober 2011. Im Oktober 2011 sanken die saisonbereinigten Auslandsaufträge um knackige -4,7% zum Vormonat und um -14,2% zum Vorjahresmonat, auf 112,44 Indexpunkten. Vom Hoch im März 2007 mit 155,06 Indexpunkten betrug der Einbruch bis Oktober 2011 nun wieder -27,5%! Der frische Abwärtstrend bei den Auslandsaufträge, der bisher das totale Desaster immer noch etwas überdeckte, dürfte die geschwächte und unterentwickelte Industrie Griechenlands zusätzlich enorm beschädigen.

Im Chart der saisonbereinigte gesamte Auftragseingang der griechischen Industrie von Januar 2000 bis Oktober 2011, laut den Daten von Eurostat. Im Oktober 2011 sank der saisonbereinigte Auftragseingang um -2,3% zum Vormonat und um -15,8% zum Vorjahresmonat, auf 83,06 Indexpunkte. Vom Hoch im Juni 2008 mit 126,13 Indexpunkten sank der gesamte Auftragseingang bis Oktober 2011 um -34,1%!

Wie dramatisch sich die Lage der Industrieproduktion bereits darstellt, zeigt der Output, das Volumen der hergestellten Waren und Güter in der breit gefassten Industrieproduktion:

Der saisonbereinigte Output der breit gefassten griechischen Industrie von Januar 1995 bis Oktober 2011 im Chart. Der saisonbereinigte Industrieproduktionsindex fiel im Oktober 2011 um weitere -4,34% zum Vormonat auf 72,91 Indexpunkte und damit lag der Output der breit gefassten griechischen Industrie auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Datenreihe im Januar 1995. Seit dem letzten Hoch im Januar 2007 brach der Industrieproduktionsindex um -30,8% ein. Noch gravierender, der Output im Oktober 2011 lag sogar um -11,33% unter dem Stand des Jahres 1995 (Durchschnitt Jan.-Dez. 1995: 82,23 Indexpunkte).

Das Verarbeitende Gewerbe brach um -11,9% zum Vorjahresmonat ein, der Output im Bergbau um -1,0% und der Output der Wasserversorger stieg um +0,7%. Den absoluten Hammer dokumentieren die Daten zum Output der Energieversorgung, es ging um -19,2% zum Vorjahresmonat abwärts! Gerade der Output der Energieversorger reflektiert den brachialen Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Aktivität:

Die Entwicklung des Outputs der Energieversorger seit Januar 2000 bis Oktober 2011 im Chart. Im Oktober 2011 sank der Output saisonbereinigt um -6,6% zum Vormonat auf 70,39 Indexpunkte. Zum Hoch im Juni 2008 sank der Output der Energieerzeugung um -33,49%!

Die Entwicklung der realen Summe aller Arbeitnehmerentgelte im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 im Chart. In Q3 2011 geht es zum sechsten Mal in Folge zweistellig abwärts, diesmal noch um -10,9% zum Vorjahresquartal.

Die Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen seit Q1 2001 bis Q3 2011. In Q3 2011 sanken die Bruttoanlageinvestitionen um weitere -15,2% zum Vorjahresquartal. Seit nun 16 Quartalen in Folge, im Vergleich zum Vorjahresquartal, sinken die Bruttoanlageinvestitionen in Griechenland! Seit dem Hoch im 2. Quartal 2007 sind die Bruttoanlageinvestitionen um unverantwortliche und beispiellose -50,38% gesunken!

Die Bruttoanlageinvestitionen umfassen den Erwerb von dauerhaften und reproduzierbaren Produktionsmitteln sowie selbst erstellten Anlagen, ebenso von größeren Reparaturen, die zu einer wesentlichen Steigerung des Wertes einer Anlage führen. Die Bruttoanlageinvestitionen untergliedern sich in Ausrüstungen (Produktionsanlagen, Maschinen, Geräte, Fahrzeuge), Bauten (Wohnbauten, Nichtwohnbauten) und sonstige Anlagen (u.a. Nutzvieh und Nutzpflanzungen, Computersoftware).

Der Rückgang der Investitionen in eine unterentwickelte Volkswirtschaft mit zweistelligen Raten dokumentiert weiter eine zum Scheitern verurteilte Strategie zur Behebung der Schuldenkrise.

Nicht viel besser die Daten zur Entwicklung in Spanien:

Im Chart die saisonbereinigten Inlandsaufträge der spanischen Industrie von Januar 2002 bis Oktober 2011. Im Oktober 2011 sanken die saisonbereinigten Inlandsaufträge um -5,3% zum Vormonat auf 69,26 Indexpunkte und damit fast auf den tiefsten Stand seit Beginn der Datenreihe, von Eurostat im Januar 2002, dem Mai 2009 mit 68,68 Indexpunkten. Vom Hoch im Dezember 2006 mit 126,17 Indexpunkten betrug der Einbruch bis Oktober 2011 relevante -45,1%!

Im Chart die saisonbereinigten Auslandsaufträge der spanischen Industrie von Januar 2002 bis Oktober 2011. Im Oktober 2011 sanken die saisonbereinigten Auslandsaufträge um -0,6% zum Vormonat, auf 120,68 Indexpunkten. Vom Hoch im März 2008 mit 159,00 Indexpunkten betrug der Einbruch bis Oktober 2011 immerhin -24,1%!

Im Chart der saisonbereinigte gesamte Auftragseingang der spanischen Industrie von Januar 2002 bis Oktober 2011, laut den Daten von Eurostat. Im Oktober 2011 sank der saisonbereinigte Auftragseingang um -2,2% zum Vormonat, auf 89,72 Indexpunkte. Vom Hoch im März 2008 mit 129,78 Indexpunkten sank der gesamte Auftragseingang bis Oktober 2011 um -30,9%!

Der saisonbereinigte Output (die Menge, das Volumen der hergestellten Waren und Güter) der breit gefassten spanischen Industrie (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) von Januar 1980 bis Oktober 2011 im Chart. Der saisonbereinigte Industrieproduktionsindex fiel im Oktober 2011 um weitere -1,1% zum Vormonat auf 82,38 Indexpunkte und damit lag der Output der breit gefassten Industrie auf dem Stand von Anfang 1997. Seit dem letzten Hoch im Mai 2007 brach der Industrieproduktionsindex um -24,8% ein.

Die Entwicklung der realen Bruttoanlageinvestitionen seit Q1 2001 bis Q3 2011. In Q3 2011 sanken die Bruttoanlageinvestitionen um weitere -3,6% zum Vorjahresquartal. Seit bereits 15 Quartalen in Folge, im Vergleich zum Vorjahresquartal, sinken die Bruttoanlageinvestitionen in Spanien! Seit dem Hoch im 2. Quartal 2007 sind die realen Bruttoanlageinvestitionen um kräftige -36,4% gesunken!

Die Entwicklung der realen Summe aller Arbeitnehmerentgelte im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 im Chart. In Q3 2011 geht es zum elften Mal in Folge abwärts, diesmal noch um -4,2% zum Vorjahresquartal.

Die Entwicklung in den anderen Ländern der Südperipherie der Eurozone sieht so ähnlich aus und grundsätzlich stellt sich die Frage, wie aus dieser verminderten industriellen Wertschöpfung, den sinkenden Bruttoanlageinvestitionen und den sinkenden Arbeitnehmerentgelten, die Schuldenpyramiden abgetragen werden sollen? Diese Daten zeigen auch nochmal deutlich, dass eine isolierte lockere Geldpolitik nichts an der realwirtschaftlichen destruktiven Situation ändert. Weiterhin bleibt die Hauptursache der Schuldenkrise in der Eurozone, die sehr unterschiedliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unbeackert, die Divergenz weitet sich sogar aus.

Gestern schoss die EZB weiter Liquidität über einen Standard-Tender in das europäische Bankensystem, in Form einer Long Term Refinancing Operation (LTRO) mit 3-jähriger Laufzeit zu einem Zinssatz von 1%. Beherzt griffen 523 Finanzinstitute zu und zogen in einem Volumen von 489,19075 Mrd. Euro Kredit über die nationalen Notenbanken im Eurosystem. Die Nettoliquidität dürfte um mindestens +210 Mrd. Euro gestiegen sein, da im Gegenzug andere Refinanzierungsmöglichkeiten der Banken über die EZB sinken bzw. der LTRO zum überrollen von Fälligkeiten benutzt wird. Trotzdem dürfte die konsolidierte Bilanz des Eurosystems, nach einem bereits monatelangen Anstieg, weiter beschleunigt explodieren. Mit dem gestrigen LTRO dürfte die Bilanzsumme zur 51. Kalenderwoche mindestens auf 2,7 Billionen Euro ausgeweitet worden sein:

Die Entwicklung der Total Assets der EZB seit der Kalenderwoche 53 1998 bis zur Kalenderwoche 50 laut den Daten der EZB. In der KW51 steigen die Total Assets auf geschätzte mindestens 2,7 Billionen Euro, ein weiteres neues Allzeithoch. Selbst der Lehman Pleite Level wird nun mit über +600 Mrd. Euro übertroffen und die Qualität der Assets sinkt immer weiter.

Nur weiterhin bleibt trotz immenser Liquiditätsmaßnahmen der Notenbanken im Eurosystem ungesichert, ob diese Liquiditätsinjektionen in Kreditvergabe an die Realwirtschaft münden, genau wie sie nicht mal in erhöhten Engagements der Banken in Staatsanleihen der Südperipherie münden müssen. Ohne eine Ankurbelung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Länder der Südperipherie, das Gegenteil geschieht immer noch, dürfte dieses brachiale geldpolitische Experiment, außer mit einem Zeitgewinn fürs System, nur im Nirgendwo landen.

Quelle Daten: Statistics.gr/Pressemitteilung Auftragseingang der griechischen Industrie Oktober 2011, Ine.es/Pressemitteilung Auftragseingang der spanischen Industrie Oktober 2011, Ecb.int/Daten LTRO, Ecb.int/Konsolidierter Ausweis des Eurosystems, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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1 KommentarKommentieren

  • Tomas Lange - 28. Dezember 2011 Antworten

    Beindruckend klare Analyse einer erschreckenden Realitaet. Die suedeuropaeischen Laender haben jahrelang ueber ihren Verhaeltnissen gelebt, jetzt erreicht sie eine schmerzhafte Bauchlandung. Wuerde mich interessieren, wie die gleiche Analyse fuer die USA auschaut, keineswegs ein ‘Peripherie’-Land, da die Folgen viel weitreichender sein werden als alle europaischen Suedstaaten zusammen. Verfuegen Sie ueber solche vergleichbare Daten fuer die USA? Danke im voraus. Gruss, Tomas.

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