Target2 Forderungen auf Rekord im Juli
Der Irrsinn nimmt kein Ende, Monat für Monat erhöhen die erzielten Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands auch immer weiter die Gläubigerposition Deutschlands gegenüber dem Ausland. Gegenüber der Südperipherie der Eurozone findet die Defizitfinanzierung der Leistungsbilanz sowie die Liquiditätssicherung der irischen Banken u.a. auch über die Verrechnungssalden des Target2 Systems im Europäischen System der Zentralbanken (ESZB) statt.
Im Juli 2011 stiegen die Forderungen der Deutschen Bundesbank (Forderungen innerhalb des Eurosystems insgesamt) gegenüber den nationalen Notenbanken in der Eurozone und der EZB auf ein neues Rekordhoch mit 355,977 Mrd. Euro, nach 348,854 Mrd. Euro im Vormonat und nach 283,223 Mrd. Euro im Vorjahresmonat. Davon gingen Forderungen (Forderungen innerhalb des Eurosytems/Sonstige Forderungen) von 343,662 Mrd. Euro, ebenfalls ein neues Allzeithoch, auf das Konto der nationalen Notenbanken, als Saldo aus dem abgewickelten Zahlungsverkehr im so genannten Echtzeit-Bruttozahlungssystem (Target2).
Wieder der Blick auf die Entwicklung der Forderungen (Kredite) der Deutschen Bundesbank gegenüber den nationalen Notenbanken in der Eurozone und der EZB:
Die Forderungen innerhalb des Eurosystems (netto) der Deutschen Bundesbank auf Monatsbasis in Mrd. Euro, gegenüber den nationalen Notenbanken der Eurozone und der EZB seit Januar 1999 im Chart. Vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise von 1999 bis 2006 lagen die Forderungen der Deutschen Bundesbank im Durchschnitt monatlich nur bei rund 15 Mrd. Euro. Von kurzfristigen Verrechnungssalden kann seit spätestens Mitte 2007 keine Rede sein, sondern nur von einer dauerhaften Kreditfinanzierung, welche im Juli 2011 in einem Rekordniveau von 355,977 Mrd. Euro mündete.
Unverantwortlich werden über Target2 weiter Forderungen (Kredite) gegenüber der Südperipherie und Irland aufgebaut, wohlwissend, dass diese uneinbringlich sind!
Quelle Daten: Bundesbank.de/Datenbank: Auslandsposition der Deutschen Bundesbank in der Europäischen Währungsunion
Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

Markus - 6. September 2011
Das Thema ist jetzt auch von “offizieller” Seite als gefährlich eingestuft worden:
Der ehemalige Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger hat eine Begrenzung der hohen Target2-Salden innerhalb des Euro-Systems gefordert. Zusätzlich oder alternativ sollte ein Strafzins eingeführt werden. In einem Beitrag für den ifo Schnelldienst (Nr. 16, 2011) über die europäische Zahlungsbilanzkrise warnt Schlesinger davor, dass „für Länder mit hohen Zahlungsbilanzdefiziten der Zwang zum Abbau des Ungleichgewichts insoweit entfällt, als die Finanzierung des Defizits automatisch über das Target2-System ermöglicht wird.“ Die Begrenzung oder ein Strafzins sei allerdings erst möglich „nach Abklingen der gegenwärtigen Turbulenzen“.
Schlesinger kritisiert auch die beschwichtigenden Ausführungen der Deutschen Bundesbank zu den Target-Salden. Diese seien keineswegs nur „ein statistischer Posten“, wie ihn die Bundesbank beschrieben habe, sondern der „wichtigste Posten in der Bundesbankbilanz“ und „ein wichtiger Teil des Auslandsvermögens der Bundesrepublik“, schreibt Schlesinger. In der Bilanz der Bundesbank, die sich Ende Juni 2011auf 632 Mrd. Euro belief, entfielen allein 349 Mrd. Euro auf Nettoforderungen aus Target 2. Über das Target-System wickeln die Notenbanken Zahlungen innerhalb des europäischen Währungsraumes ab. Die Target-Konten waren bis zur Finanzkrise ausgeglichen, wurden dann aber von einigen Ländern als eine Art billiger Überziehungskredit im Umfang von mehr als 300 Milliarden Euro genutzt.
Auch der ehemalige sächsische Ministerpräsident und Finanzminister Georg Milbradt warnt vor den Folgen der hohen deutschen Target-Forderungen: Als potentielles Überschuss- und Gläubigerland in einer Währungsunion könne es Deutschland „nicht zulassen, dass weiter eine derartig billige und automatische Möglichkeit zur Finanzierung von Zahlungsbilanzdefiziten zu seinen Lasten besteht“. Sonst dürften sich die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte perpetuieren und der Zerfall der Währungsunion programmiert sein, schreibt Milbradt.
Auf wissenschaftlicher Seite kritisieren u.a. ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, Prof. Peter Bernholz (Universität Basel), Charles B. Blankart (Humboldt-Universität zu Berlin und Universität Luzern) die hohen Target-Salden. Manfred Neumann (Universität Bonn) weist auf die hohen Risiken durch die Target-Position hin. In Griechenland seien die Relationen bereits aus den Fugen geraten: Die Refinanzierung des griechischen Bankensystems beträgt inzwischen das Vierfache der Geldbasis in Griechenland. So entstünden „durch den ungehemmten Zugang zu Notenbankkredit systemische Risiken, und zwar nicht nur für regionale Bankensysteme, sondern für die gesamte Eurozone.“ Zu den systemischen Risiken gehöre auch, dass die Geldpolitik der EZB in das Schlepptau der Banken gerate und der Notenbankzins niedriger gehalten werde als angemessen. „Die Zentralbanken des Eurosystems, aber auch die Bankaufsichtsbehörden dürfen diese Risiken nicht länger ignorieren“, schreibt Neumann: „Es ist an der Zeit, dass sie sich mit der Frage auseinander setzen, wie künftig verhindert werden kann, dass Banken den Notenbankkredit exzessiv nutzen.“
Dagegen verteidigen Ulrich Bindseil und Philippine Cour-Thiman, Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank, zusammen mit Philipp König, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin, die veränderten Target2-Positionen. Sie seien „lediglich ein Ausdruck der Segmentierung der europäischen Finanzmärkte entlang der Grenzen der von Staatsschuldenkrisen betroffenen Länder“, schreiben die Autoren. Die T2-Ungleichgewichte seien „kein eigenständiges Risiko, neben den zur Aufrechterhaltung des Transmissionskanals und der Finanzstabilität notwendigerweise eingegangenen Risiken“.