XXL-Propaganda als Dauerschleife

von am 8. Januar 2011 in Allgemein

Dieses kurze Update der letzten Wirtschaftsdaten, dokumentiert weiterhin die schöngefärbte XXL-Berichterstattung. Querschuesse zeichnet an Hand von offiziellen Datensätzen ein etwas anderes Bild.

Zunächst in die USA, das US-Landwirtschaftsministerium (United States Department of Agriculture) berichtete für den Monat Oktober 2010 von einem neuen Allzeithoch bei den bedürftigen US-Bürgern, welche das staatliche Lebensmittelprogramm SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program) in Anspruch nahmen:

Der Anstieg der Lebensmittelmarken-Bezieher auf Monatsbasis. 43,200878 Millionen US-Bürger bezogen im Oktober 2010 die moderne Version der Food Stamps, Lebensmittel per Kreditkarte für durchschnittliche 133,76 Dollar pro Person im Monat, auf Basis des staatlichen Supplemental Nutrition Assistance Program (SNAP). Zum Vormonat war dies ein Anstieg von +289’737 und zum Vorjahresmonat von 5,528060 Millionen Bedürftigen! Zu Januar 2006 betrug der Anstieg beschämende 16,685878 Millionen!

Auch der US-Arbeitsmarktbericht für Dezember 2010 blieb weiter schwach, zwar wurden 103’000 neue Stellen geschaffen und die saisonbereinigte Arbeitslosenquote sank von 9,8% im November auf 9,4% im Dezember, aber wie in der BLS-Statistik oft gelebt, geht ein Großteil der “positiven” Daten auf statistische Verbiegung zurück! Dies verdeutlicht die  Erwerbsquote (Civilian Participation Rate), sie markierte im Dezember ein neues Tief:

Die Erwerbsquote (Civilian Participation Rate) aus Civilian Labor Force Level (Arbeitskräfte, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und dem Civilian Noninstitutional Population Level (arbeitsfähige Gesamtbevölkerung ab 16 Jahre) markierte im Dezember 2010 mit 64,3% den tiefsten Stand seit April 1984! Im Chart die Daten seit Januar 1985.

 
Die Zahl der saisonbereinigten, dem Arbeitsmarkt nicht zu Verfügung stehenden Arbeitskräfte, Erwachsene ab 16 Jahre (Not in Labor Force) seit Januar 1990 im Chart! Im Dezember 2010 wurde ein neues Hoch mit 85,199 Millionen Arbeitskräften erreicht, die dem Arbeitsmarkt angeblich nicht zu Verfügung stehen, ein Anstieg von +434’000 zum Vormonat und von +1,447 Millionen zum Vorjahresmonat! Not in Labor Force ist das einzige stabile Wachstumssegment im US-Arbeitsmarktbericht und dient zur Verschleierung der wirklichen Situation am US-Arbeitsmarkt!

Immerhin, bemerkenswerte 52,934 Millionen von 85,199 Millionen, die angeblich nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen waren im arbeitsfähigen Alter zwischen 16 und 64 Jahren.

Während der Civilian Noninstitutional Population Level (die arbeitsfähige Gesamtbevölkerung ab 16 Jahre) um +174’000 stieg, sank die Zahl der Arbeitskräfte die dem Arbeitsmarkt  zur Verfügung stand (Civilian Labor Force Level) angeblich um kräftige -260’000! Gleichzeitig stieg die Zahl der Beschäftigten (Employment Level) zum Vormonat um +297’000, alle Daten jeweils im Vergleich zum Vormonat. Nur aus diesem Verhältnis von Civilian Labor Force Level und dem Employment Level wird die Arbeitslosenquote und Zahl der Arbeitslosen ermittelt und diese müssen bei diesem inkonsistenten Datensatz zwangläufig sinken. 

Civilian Labor Force Level – Employment Level = Unemployment Level (Anzahl der Arbeitslosen) bzw. das Verhältnis aus Civilian Labor Force Level und Employment Level entspricht der Arbeitslosenquote (Unemployment Rate).

Praktischerweise spielt die um fulminante +434’000 gestiegene Zahl der Arbeitskräfte zum Vormonat, die dem Arbeitsmarkt angeblich nicht zu Verfügung stand (Erwachsene ab 16 Jahre), Not in Labor Force, keine Rolle bei der Ermittlung der Arbeitslosenquote und -zahl.

Quelle Daten: PDF US-Arbeitsmarktbericht Dezember 2010, Bls.gov, Stlouisfed.org, Bls.gov/Datenbank, Fns.usda.gov/SNAP Monthly

Nach Deutschland, besonders bezeichnend für das XXL-Aufschwung-Märchen, angeblich getragen auch vom Binnenkonsum, sind die Daten vom Statistischen Bundesamt zu den Umsätzen im deutschen Einzelhandel:

Die Entwicklung der Saison- und kalenderbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) seit Januar 1994. Der Chart zeigt deutlich, dass der “deutsche Konsumboom” betrachtet seit Januar 1994, weit weniger als eine Nullnummer war. Im November 2010 lagen die bereinigten realen Einzelhandelsumsätze mit 95,8 Indexpunkten nur knapp über dem Tief aus Juni 2009 mit 94,8 Indexpunkte und damit auf dem vierttiefsten Stand seit Beginn der Datenreihe seit Januar 1994!

Die Divergenz zu dem Jubel-Stimmungsindikator, dem Gfk-Konsumklimaindex ist atemberaubend, denn selbst nominal zu den jeweiligen Preisen, sehen die Einzelhandelsumsätze bis November 2010 äußerst mau aus:

Im Chart der Index der bereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze (ohne Kfz-Handel), blau und der bereinigten realen Einzelhandelsumsätze (rot). Selbst nominal bewegten sich die Umsätze im November 2010 mit einem Indexstand von 99,4 Punkten unterhalb des Niveaus des Jahres 2001!

Die Neuzulassungen von PKWs in Deutschland seit Januar 2000. Im Dezember 2010 stieg zwar zum ersten Mal wieder die Zahl der Neuzulassungen, im Vergleich zum Vorjahresmonat, um +7%, jedoch verrät der Langfristchart, dass 230’371 neuzugelassene PKWs im Dezember alles andere als ein Beleg für den XXL-Boom der Deutschen sind.

Die Saison- und kalenderbereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze inklusive dem Kfz-Handel (blau) und die Realen (rot).

Die Entwicklung der Einnahmen aus der Umsatzsteuer gemäß den Quartalsdaten seit Q1 2000 bis Q3 2010. Im 3. Quartal 2010 sanken die Umsatzsteuereinahmen um -6,88% zum Vorjahresquartal auf 33,258 Mrd. Euro. Im November 2010 lagen die Einnahmen aus der Umsatzsteuer  mit 12,506 Mrd. Euro um -3,46% unter dem Niveau des November 2009 mit 12,954 Mrd. Euro! Eine gewisse Diskrepanz zum XXL-Aufschwung, getragen auch vom Binnenkonsum!

Bei der Entwicklung der Daten zum Umsatzsteueraufkommen über den längeren Zeitraum muss man die Erhöhung der Umsatzsteuer (Mehrwertsteuer) zum 1. Januar 2007 von 16% auf 19% beachten.

Auf den ersten Blick positiv sah der preis- und saisonbereinigte Auftragseingang der deutschen Industrie im November 2010 mit +5,2% zum Vormonat aus:

Die bereinigten (X-12 ARIMA) Daten für den Auftragseingang aus dem Inland (blau) mit +1,5% zum Vormonat und aus dem Ausland (rot) mit +8,2% zum Vormonat. Die Inlandsaufträge lagen im November 2010 mit 107,1 Punkten nur um +2,98% über dem Niveau von Januar 1991 (104,0 Indexpunkte), während die Auslandsaufträge um +126,65% seit Januar 1991 gestiegen sind.

Die Indizes zeigen nur die Entwicklung an, sagen aber nichts zum absoluten Volumen der Aufträge (Volumen 2005=100).

Der starke Anstieg im November 2010 von insgesamt +5,2% zum Vormonat ging allerdings vor allem auf ein überdurchschnittliches Volumen an Großaufträgen von außerhalb des Eurozone zurück. Die Inlandsaufträge stiegen nur moderat und ein deutliches Warnzeichen lieferte der Auftragseingang aus der Eurozone mit -1,4% zum Vormonat:

Die Auslandaufträge aus der Eurozone sinken bereits den vierten Monat in Folge auf 98,2 Indexpunkte im November 2010. Im Chart die bereinigten Daten seit Januar 2003.

Weiterhin ist die deutsche Wirtschaft vor allem exportgetrieben, auch im November 2010 wurde ein Handelsbilanzüberschuss von +12,9 Mrd. Euro erzielt, trotz neuem Allzeithoch bei den Importen. In den ersten 11 Monaten betrug der Handelsbilanzüberschuss satte 141,2 Mrd. Euro und befeuerte zugleich die Ungleichgewichte im Welthandel:

Die Originaldaten der deutschen Exporte (blau) und Importe (rot) seit Januar 2000 im Chart. Im November 2010 betrug das Exportvolumen 88 Mrd. Euro und das Importvolumen 75,1 Mrd. Euro. 35,2 Mrd. Euro des 88 Mrd. Euro schweren Exportvolumens bei Waren und Gütern ging in die Eurozone und 52 Mrd. Euro in die EU27.

Selbstragend ist der deutsche Aufschwung weiterhin nicht, woher auch, die Reallöhne stiegen laut Destatis im 3. Quartal 2010 um magere +1,3% im Vergleich zum Vorjahresquartal und erschwerend kommt hinzu, dass der Reallohnindex nur die preisbereinigten Bruttomonatsverdienste der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer berücksichtigt und damit kein komplettes Bild liefert, sondern nur ein geschöntes!  Wie fatal die deutsche Wirtschaft aufgestellt ist, verdeutlichen die Daten von Destatis aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung:

Die schwache Entwicklung der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau), der realen Arbeitnehmerentgelte (grün) und des explodierenden realen Exportvolumens (rot) und  von Q1 2000 bis Q3 2010.

Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer seit Q1 1991. In Q3 2010 ging es “stramm aufwärts” auf preisbereinigte durchschnittliche 1423 Euro (2005=100), immer noch -5,4% unter dem Niveau von Q1 1991!

Nicht unbedingt nach weltweiter XXL-Konjunktur sieht auch der Baltic Dry Index aus. Der Baltic Dry Index (BDI) ist ein Preisindex für die Frachtraten bei Massenfrachtgütern, für Kohle, Eisenerze, Zement, Kupfer, Kies, Dünger, Kunststoff-Granulat und Getreide. Er brach seit dem 27.10.2010 um satte -45,4% ein. Selbst wenn man Überkapazitäten bei Massengutfrachter einräumt, der Absturz ist zu steil um es darauf zu reduzieren:

Der BDI im Langfristchart seit Januar 1995. Das Hoch beim BDI wurde am 20.05.08 mit 11’709 Punkten markiert und ein 22-Jahrestief am 05.12.08 mit nur 663 Punkten generiert. Am 07.01.2011 lag der BDI bei 1519 Indexpunkten.

XXL-verdächtig ist dagegen die Entwicklung der Lebensmittelpreise:

Die Entwicklung des preisbereinigten Commodity Food Price Index (blau) des IWFs, bestehend aus Getreide, Pflanzenölen, Fleisch, Fisch, Zucker, Bananen und Orangen seit Januar 1985 bis Dezember 2010 und des preisbereinigten FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) – Food Price Indexes (rot), welcher 55 Lebensmittel abbildet. Im Dezember 2010 erzielte der FAO-Food Price Index mit 214,7 Punkten ein neues Allzeithoch! Lesenswert zu diesem Thema: “Erste Revolten wegen hoher Lebensmittelpreise”

Quellen Daten: Destatis Einzelhandelsumsätze, Vda.de/Monatszahlen, Destatis Auftragseingang, Destatis Aussenhandel Destatis Reallöhne, Genesis.destatis.de/Datenbank, Bundesbank.de/Monatsbericht Januar 2011, Shipping.capitallink.com/baltic_exchange/Historical Data BDI, Imf.org/Commod/Index, Fao.org/worldfoodsituation/FoodPricesIndex

 

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