Zu nachlassenden Unternehmensinvestitionen – Teil 3

von am 2. Februar 2015 in Allgemein

von Christoph

Beginnen die großen Unternehmen Einnahmeüberschüsse (positive Finanzierungssalden) zu bilden und werden daraus die dem realwirtschaftlichen „Wirtschaftskreislauf“ entzogenen Einnahmen/Ausgaben von Sektoren des Auslands oder aus dem „eigenen“ Staatshaushalt nicht kompensiert, bricht per Saldo der Umsatz einer komplementären Gruppe des Unternehmenssektors, tendenziell der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zuerst, ein – saldenmechanischer Spreizeffekt.

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Die KMU benötigen in so einem Fall in Relation zu ihren fortlaufend einbrechenden Einnahmen Kredit – Durchhaltekredit, der diesen, aufgrund der reduzierten Transaktionen auf ihren Betriebskonten und der konjunkturell unsicheren Aussichten (erhöhtes Kreditausfallrisiko) nur ungern[1] oder überhaupt nicht gewährt wird[2]. Um noch nicht insolvent zu werden, schießen manche Eigner noch Privatkapital nach (entsparen) und reduzieren die Betriebsführungskosten auf das notwendigste, um die Krise zu überstehen.

Je länger die Krise aber dauert, desto mehr Unternehmen gehen schließlich doch noch bankrott[3].

A1555Schaubild: Stefan L. Eichner in: Ist die dritte Weltwirtschaftskrise noch abzuwenden?

Mit dem Ausfall der KMU werden Produktionspotenzial und volkswirtschaftliche Strukturen vernichtet – es kommt zu Ansteckungseffekten auch gegenüber dem Bankensektor – von struktureller Krise („Reinigungskrise“, Marktbereinigung oder Strukturwandel) wird gesprochen. Und es wird, wie schon in den 1930ern, davon ausgegangen, wenn die Konjunktur am Tiefpunkt ankomme, diese sich von selbst erhole[4] (Dogma der „Selbstheilungskräfte“ des Marktes).

Jedenfalls werden durch Unternehmensinsolvenzen Marktanteile zu Gunsten anderer Unternehmungen  frei. Der fortgesetzte Abbau von Handelshemmnissen, Investorenschutz (TTIP) und Privatisierungen zu Schnäppchenpreisen (TiSA[5]) kommen für manche dann genau zur rechten Zeit. Wenn es zu spät ist, werden Konjunkturprogramme zeitweise wieder modern, der Allgemeinheit aber nur wenig nutzen, befeuern dann erst recht Ungleichgewichte und zu einem viel zu hohen Preis. Diese Strategie ist nicht neu, wiederholt erprobt im Rahmen des Washington Consensus.

 

 

[1] Kredit würde nur zu überhöhtem Realzins gewährt. Realzins bedeutet Nominalzins minus Inflationsrate. Im Fall der Deflation ist bei einem Nominalzinssatz von 0% der Realzinssatz immer noch positiv, da die Preisentwicklung ja negativ verläuft. Für einen Unternehmer macht es kaum Sinn zu investieren, wenn dafür aufgenommene Verbindlichkeiten in Relation zu sinkenden Preisen und sinkendem Absatz aufwerten.

[2] Selbst wenn Banken über ausreichend Überschussreserven verfügen oder sie nahezu zum „Nulltarif“ (0,05 %) Kredite refinanzieren könn(t)en, wird ihre Kreditvergabe im Abschwung restriktiv, da aufgrund möglicher Kreditausfälle, also Abwertungen auf der Aktivseite, ihr Eigenkapital auf der Passivseite zu schmelzen droht (Solvabilität).

[3] Obwohl oder gerade weil die Nettokreditaufnahme des gesamten nicht-finanziellen Unternehmenssektors Japans ab 1990 (saldiert) rückläufig und letztlich negativ wurde (Deleveraging), gingen zwischen 1990 und 2003 212.000 japanische Unternehmen bankrott. Vgl. Richard C. Koo: (2014): The Escape from Balance Sheet Recession and the QE Trap. Vgl. Princes of the Yen: Central Banks and the Transformation of the Economy (Youtube; 93 min.).

[4] Wolfgang Schäuble (2013) in The Financial Times: Ignore the doomsayers: Europe is being fixed: “Systems adapt, downturns bottom out, trends turn. In other words, what is broken can be repaired.”

[5] Das TiSA-Abkommen erscheint insbesondere aufgrund seiner vertraglichen Unrevidierbarkeit, selbst bei Scheitern privater Dienstleister[!], bedenklich.

 

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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12 KommentareKommentieren

  • hunsrueckbauer - 2. Februar 2015

    danke, genau das ist der Weg um das Ziel zu erreichen, die Oligopolisierung / Monopolisierung des Anbieter-/Angebotsmarktes; der klassische Weg der BWL seit Schumpeter. Und die Politik hilft fleißig mit und macht sich damit zum Handlanger des Todes des deutschen Mittelstandes, s. GROHE u.a.
    Leider ist das den meisten Menschen auf diesem Territorium nicht so kalr, obwohl sie ständig darüber lamentieren, dass schon wieder ein Metzger, Bäcker, Schuster, Lebensmittelladen an der Ecke dicht gemacht hat.
    Der Krug geht halt zum Brunnen, bis er bricht.
    Deutschland erwache, indignez vous!

  • Christoph - 2. Februar 2015

    @ hunsrueckbauer: Genau in diesem Sinne erklärt die BIZ dann (84. Jahresbericht) 2014, dass, weil der (gesamte?) Unternehmenssektor überschuldet sei, Schulden abbauen muss (Deleveraging) und die Staaten sowieso. Wer bzw. woraus Schuldenrückführungen finanziert werden sollen, lässt “die Bank” freilich offen.
    Danke dir, Gruß Christoph

    • Holly01 - 3. Februar 2015

      Hallo Christoph,
      das läßt die BIZ überhaupt nicht offen. Das wird auch von der BIZ ganz klar gesagt.
      Die Staaten müssen ihre Ausgaben kappen und investieren.
      Man muss also bei den Menschen sparen und bei der Infrastruktur klotzen.
      So soll der Staat saniert werden und die Unternehmen mit Nachfrage versorgen.

      Schade das der Massenmarkt gleichzeitig komplett austrocknet und die Infrastrukturmaßnahmen ausser Kosten keine messbaren Effekte erzielen.

      In Deutschland sind 12 Millionen Menschen unterbeschäftigt und finanziell nicht dazu in der Lage von ihren Einkommen zu leben.
      Tendenz relativ schnell steigend.
      Wer bitte schön wäre so dumm in diese Situation hineinzuinvestieren? Ausser vielleicht Aktien von Heckler und Koch zu kaufen, denn die Sicherhietsindustrie wird ja boomen.

      • Holly01 - 3. Februar 2015

        Hallo Christoph,
        entschuldigen Sie, aber die Sicht ist mir zu zweidimensional, bzw. der Effekt spielt sich ansich nur zwischen Zulieferern und der großindustriellen Endfertigung ab.
        In der Autoindustrie ist das ganz aktuell der fall.
        Im Handel haben wir das erlebt, als offene rechnungen im nachheinein pauschal gekürzt bezahlt wurden. Die Rechnungssteller hatten die Wahl auf zahlung zu klagen und nie wieder einen Auftrag zu bekommen oder zu akzeptieren.

        Konzentrierte Marktmacht führt wie jede Macht zu mehr oder weniger deutlichem Missbrauch.

        Das Hauptproblem welches sich aber durch dei ganze Gesellschaft zieht ist ein anderes.
        Wenn die Produktivität nur 10% der Menschen benötigt um alles herzustellen, dann braucht man noch weitere 10% für Verwaltung und Sicherheitsbereich und 80% sind schlicht überflüssig.

        Niemand investiert in überflüssige Menschen. Alle Bereiche werden auf das absolut notwendige Minimum reduziert.
        Genau DAS erleben wir.
        Die Überkapazitäten bestehen nicht, weil der Bedarf fehlt. Die Überkapazitäten bestehen weil die Kaufkraft geschrumpft wird und dann fehlt.
        Das ist die direkte Folge der 80-20 Gesellschaft.

        Was Sie beschreiben ist ein wichtiger Aspekt im Ablauf, aber es ist ein nachrangiger Aspekt. Das Hauptgeschehen besteht in der Abkopplung extrem großer Bevölkerungsteile vom selbstbestimmten leben, vom Konsum, von der Gesundheit, der Bildung und letztendlich der selbstbestimmten Lebensgestaltung.
        Ein Massenmarkt besteht in den westlichen Staaten kaum noch. Die Produktionsüberhänge werden so lange exportiert, bis der Maschinenpark abgeschrieben und veraltet ist. Die neuen Anlagen werden da aufgestellt, wo noch ein Markt vorhanden ist.
        Punkt.

        Überbrückung der Krise? Es gibt keine Krise. Das System schrumpft ganz klar an der indeologischen Frontline entlang.
        Wer auch immer nicht mehr nützlich ist, der wird aussortiert.
        Bezahlung orientiert sich am geringsten Aufwand der am Markt durchsetzbar ist.
        Alle Strukturen der Solidarität werden zerstört und die Menschen individualisiert, wobei die Familien und die Partnerschaften so weit als möglich relativiert und zu Zweckbündnissen degradiert werden.

        Die Gesellschaft zerbricht in Fragmente und 80% landen im tittitainment.
        Was Sie sehen ist ein knall harter Übergang.
        So sieht das aus, wenn eine Gesellschaft durch einen sich verengenden Trichter gedrückt wird.

        Schauen Sie nach Griechenland. Das ist keine Talsohle, die einen Aufstieg nach sich zieht. Das ist der Endpunkt der gewollten Entwicklung und das wird monetär betoniert, per Zinsversklavung.

        Punkt.

        • Holly01 - 4. Februar 2015

          Bei netnews gerade einen link abgegriffen:
          http://www.arte.tv/guide/de/048762-000/staatsschulden-system-ausser-kontrolle?vid=048762-000_PLUS7-D

          90 Minuten über das System.
          Wer sich die Zeit nimmt dem empfehle ich folgende Sicht:
          War die Entwicklung vorhersehbar?
          Wurden Parameter im Vorfeld gesetzt, um diese jeweilige Situation herbeizuführen?
          Warum beginnt Geld vor 5000 Jahren, die Dollarkrise aber erst 1971?
          Warum kommt das Wort “Eigentum” kein einziges mal vor, Geldschöpfung wird besichert?
          Warum kommt der Zusammenhang Recht -> Gesetz -> Eigentum -> Geldschöpfung nicht vor?
          Woher kommt der Zusammenhang Bank-Reformation-Bildung und warum wird das nicht erwähnt?

          Es ist natürlich Propaganda, aber es ist auch interessant, denn die Zielrichtung der propaganda zeigt die zurünftige Entwicklung die argumentativ vorbereitet.
          Entlarvent ist die Frage: muss man Schulden zurück zahlen?

  • Christoph - 3. Februar 2015

    @Holly01: Ich hatte das ein wenig anders gemeint – hunsrueckbauer hat mich schon verstanden. In Heckler und Koch investieren – ja, eine fatale Option.

    Wenn aufgrund des Spreizeffektes die Überschuldung der kleineren Unternehmen steigt oder in der Krise schon (mittlerweile) derart angestiegen ist, dann kann man freilich gut argumentieren, dass innerhalb dieses (gesamten?) Sektors nichts mehr geht und, dass bevor diese wieder investieren können und damit konjunkturbelebend wirken können, zuerst ihe Bilanzen sanieren müssen. Und ähnlich verhält sich die reale und argumentative Dynamik in Bezug auf die Krisenstaaten. Nebenbei, ganz wie die österreichische Schule, erzählt uns die BIZ auch gleich wie folgt (S. 8): „Und geborgtes Geld darf nicht länger der wichtigste Wachstumsmotor sein.“[!] Auf Seite 15 dann: „In den Krisenländern besteht das Risiko, dass die Bilanzkorrekturen im privaten wie auch im öffentlichen Sektor nicht zu Ende geführt werden.“ Wenn, wie du richtig sagst, der Massenmarkt austrocknet, wer (aus welchem Sektor) sollen die Einnahmeüberschüsse[!], die die Privaten und der öffentliche Sektor, um ihre Bilanzen zu “korrigieren”, zu erzielen benötigen, finanzieren? Ganz klar, ausländische Sektoren, die ihre Bilanzen aber auch nicht “verschlechtern” möchten. Aber eigentlich geht es in dem Artikel um diesen (für mich) interessanten Aspekt des Spreizeffektes unter den Unternehmen? Dazu hätte ich lieber ein wohlgemeintes Feedback, ja? Herzlichen Gruß Christoph

    • Holly01 - 4. Februar 2015

      Hallo Christoph,

      ich finde Ihren Beitrag methodisch konsequent, in der Analyse richtig und somit wertvoll und wichtig.
      Ein Aspekt der Zusammenhänge verdeutlicht und Verknüpfungen transparenter macht.

      Danke dafür lg Holly

  • Huthmann - 3. Februar 2015

    Das Problem ist, daß im Boom die Aussichten zu rosig gesehen werden. Immer mehr springen auf den Zug auf. Es wird von zu vielen Investoren Projekte angestoßen, die zunehmend auch fremdfinanziert werden. Irgendwann einmal zeigt sich, daß die erhofften “Produktivitätsgewinne” sich nicht realisitisch erzielen lassen, dann ändert sich die Stimmung.

    Was macht man nun? Soll man die Invests schützen, indem man die Ausgabenreduzierung im sich ankündigenden Abschwung auffängt durch einen anderen Player, der dann seine Ausgaben z.B. kreditfinanziert erhöht. Welche Kompetenz hat dieser Player? Warum investiert er gerade dann, wenn die anderen vorsichtig werden. Haftet er für seine Invests? Was macht er, wenn die Konjunktur wieder läuft? Holt es dann seine kreditfinanzierten Ausgaben wieder herein, indem er tilgt oder baut er seine Verschuldung kontinuierlich auf bis zur Erreichung der Schuldentragfähigkeit? Was passiert dann? Springt dann bei einem weiteren Abschwung ein anderer Player ein?

    Das sind so die Fragen, die man sich auch stellen sollte.

    MFG

    • Christoph - 3. Februar 2015

      Danke Huthmann, ja das sind wichtige Fragen.

    • thewisemansfear - 3. Februar 2015

      Hyman Minsky hat da vor etlichen Jahren seine Theorie entwickelt, wie es zu Booms und entsprechend auch zu Busts kommt. Die rosarote Brille, wodurch man im Überschwang alles viel positiver wahrnimmt, hat darin eine wichtige Rolle.
      Die Kreditfinanzierung geht von “abgesichert” über “spekulativ” hin zu “ponzi”. Und damit früher oder später über die Klippe: http://de.wikipedia.org/wiki/Hyman_P._Minsky

  • Huthmann - 4. Februar 2015

    Das ist nicht nur Hyman Minsky hinsichtlich inhärenter Instabilität von Finanzmärkten sondern auch die Begründung von quasi natürlichen Konjunkturzyklen.

    Das Problem ist eben, daß sich im Vorfeld nicht deterministisch bestimmen läßt, wie groß das Potential einer z.B. auf technischem Fortschritt beruhenden Produktivitätsgewinns ist. Der Kapitalismus neigt in der Tendenz zu zu großem Optimismus, was die Chancen angeht bzw. nicht kompetente Investoren ziehen auch noch mit. Somit ist der Abschwung bereits vorbestimmt. Meiner Auffassung nach kann man den Abschwung nicht vermeiden, genauso wenig wie man den Aufschwung optimal steuern kann durch z.B. Kreditlenkung.

    MfG

  • Christoph - 6. Februar 2015

    @ the wisemansfear: Die Formulierung “geht [...] früher oder später über die Klippe” unterstützt aber leider (vermutlich unbeabsichtigt?) die These der Liqidationisten – vgl. http://www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=229 (PDF; 100 kB), S. 658, linke Spalte. Übrigens feines Blog! Herzliche Grüße Christoph