Zum demographischen Wandel

von am 30. Mai 2015 in Allgemein

Gestern berichtete die BBC, dass in den letzten Jahren Deutschland Japan bei der Geburtenquote erstmals unterboten hat und nun die niedrigste Geburtenrate der Welt hat. Das ist doch eine Gelegenheit, sich mal die demographische Entwicklung im internationalen Vergleich ein bischen genauer anzusehen. Das übliche Maß für die demographische Belastung ist der Abhängigenquotient. Dieser setzt die Zahl der z.B. unter-20- und über-64-Jährigen in Relation zu den 20- bis 64-Jährigen. Der Jugendquotient und der Altenqotient machen dasselbe nur für die unter-20- und die über-64-Jährigen. In der öffentlichen Debatte wird oft nur über den Altenquotient geredet und dieser ist laut den Daten der OECD in fast allen Ländern seit Jahrzehnten am Steigen und wird dies aller Voraussicht nach auch weiterhin tun:

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Der Jugendquotient hingegen wird grundsätzlich ignoriert, dabei ist dieser nicht minder interessant. Denn die arbeitende Bevölkerung muss ja nicht nur jene “mit durchfüttern”, die sich nicht mehr im Erwerbsleben befinden, sondern auch jene, die noch nicht dort angekommen sind, sondern sich noch in Ausbildung befinden. Und eine alternde Gesellschaft hat nunmal definitionsgemäß nicht nur mehr Alte, sondern auch weniger Junge zu versorgen.

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Wie man sieht ist in allen betrachteten Ländern der Jugendqotient seit 1950 kräftig gesunken. In Japan etwa kamen im Jahr 1950 auf 100 Einwohner im Alter von 20 bis 64 Jahren 62 Jugendliche. Im Jahr 2013 waren es gerade noch 30. Das Sinken des Jugendquotienten in den vergangenen Jahrzehnten war bislang mehr als ausreichend, um den Anstieg des Altenquotienten zu kompensieren, sodass sich die industrialisierten Länder in den 2000er-Jahren in der Tat in der günstigsten demographischen Lage seit 60 Jahren befanden. Allerdings zeigen die Prognosen, dass dies in Zukunft nicht mehr so sein wird, da der Jugendquotient sich stabilisiert, wohingegen der Altenquotient weiter steigen wird:

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Einen gewissen Ausreißer stellt Deutschland dar. In der Bundesrepublik erreichte der Abhängigenquotient 1990 seinen niedrigsten Stand mit 54; im Jahr 2013 lag er bei 64. Laut den Prognosen der OECD wird er bis Mitte der 2030er-Jahre auf etwa 95 ansteigen und dann auf diesem Niveau verharren. Es wird natürlich eine ökonomische Herausforderung, mit diesem demographischen Wandel umzugehen, schließlich bedeutet er nichts anderes als dass weniger Erwerbstätige mehr Renter “mit durchfüttern” müssen. Dass die Riester-Rente ein vollkommen ungeeignetes Instrument ist, habe ich im vergangenen November schon ausführlich dargelegt (Sparen und Investieren) und möchte das hier nicht noch einmal durchnudeln.

An dieser Stelle noch einige Charts zu den übrigen Ländern, zu denen die OECD Daten vorliegen hat:

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Quellen: OECD-Datenbank

Gastbeitrag von Sebastian
Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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19 KommentareKommentieren

  • Stepe - 30. Mai 2015

    Hallo Sebastian
    sehr gut der Artikel. Das beste ist allerdings das nicht auf Panik gemacht wird das es bergab geht weil alte noch essen müssen und Junge nicht genug heranschaffen können.
    G.Berg hat dazu einen netten Aufsatz geschrieben. “Die Demagogie mit der Demografie” der zeigt auf wie sich Statistik in der Wirklichkeit auswirkt.
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=23626

    Gruß

  • Chotschen - 30. Mai 2015

    Guter Beitrag. Neben der jungen Generation dürfen auch die Arbeitslosen nicht vergessen werden. Diese Abhängigen werden mit dem Sinken der Erwerbspersonenzahl weniger werden, so dass gewisse finanzielle Spielräume entstehen.

    Zu der Geburtenrate möchte ich noch anmerken, dass mit der zur Zeit in der Öffentlichkeit kursierenden Geburtenrate die auf 1000 Einwohner gemeint ist. Diese ist in Deutschland allerdings nur deshalb niedriger, weil durch die langanhaltend niedrige Geburtenrate in D bereits eine kleinere Generation selbst Kinder bekommt. Die Geburtenziffer pro Frau im gebährfähigen Alter ist aussagekräftiger in Bezug auf die Kinderwünsche der aktuellen Generation. Diese dürfte 2014 bei etwas über 1,4 liegen, es gibt sogar einen leicht positiven Aufwärtstrend. In vielen Ländern Südeuropas liegt diese Ziffer vor allem infolge der Wirtschaftskrise deutlich niedriger.

  • Roland - 31. Mai 2015

    Die Rente der Alten als “Durchfüttern” zu bezeichnen ist eine dicke Unverschämtheit.
    Pfui !

    Schließlich haben sich diese, als sie noch im Erwerbsleben standen, sowohl um den Nachwuchs gesorgt als auch um die damaligen Alten gekümmert.

    • RedMoe - 31. Mai 2015

      Anführungszeichen bemerkt?

      • Roland - 31. Mai 2015

        Dann schau Dir mal Deinen ersten Satz unter der ersten Graphik an. Der ist ohne ” ”

        Und selbst als Du vor der letzten Garphik-Reihe dieses Unwort dann mit ” ” wiederholst, kommt einem doch die Galle hoch.

        • RedMoe - 31. Mai 2015

          Ach Gott, da ist jemand zart besaitet. Ein bischen Flappsigkeit wird man schon aushalten können, erst recht wenn sie als nicht 100% ernstgemeint erkennbar ist. Aber trotzdem danke für den Hinweis. Ich habe da noch zwei “” ergänzt.

    • Stepe - 31. Mai 2015

      Ich bin 67 von daher, es ist durchfüttern, selbst dann wenn es ein Rechtsanspruch ist. Was mich bedenklich stimmt, ist, das so ein Zustand mit einem Wort aus den Angeln heben lässt und es in Moralische Betrachtung hebt. (mit oder ohne Anführungszeichen)
      Die Rentenkürzung ist das Elend, der Betrug mit dem Riester, die Krankenkassenbeiträge für Rentner, die Private Vorsorge insgesamt, so das den Versicherungen Milliarden Profite auf Rücken von Rentnern verschafft wurde. (Alles ohne Anführungszeichen)
      Dagegen wird kein Pfui helfen, eher der Inhalt des Artikels.

      Gruß

    • V.E. - 3. Juni 2015

      Ja, sie haben aber viel viel weniger Rentner durchgefüttert, so viel wie sie damals gebe ich auch gerne ab, aber nur so viel.

      • Querschuss - 3. Juni 2015

        Hallo V.E.,
        eine eindimensionale Betrachtung, denn heute sind die Produktivkräfte vielfach höher, der Output der Produktion, das Exportvolumen, die erbrachte Bruttowertschöpfung aller wirtschaftlichen Sektoren. In einem Land, was ungleich mehr produziert als selbst verbraucht, einen Leistungsbilanzüberschuss von nahe 250 Mrd. Euro p.a. erzielt, sollte man nicht schwadronieren, ob man seine Alten einen anständigen Lebensabend bieten kann. Kann man, wenn man nur will. Wenn man es nicht tut, sondern sich immer mehr Altersarmut dokumentiert, offenbart dieses Land nur seine soziale und gesellschaftliche Verfassung und die Disparitäten in der Einkommens- und Vermögensverteilung.

        Zugegeben das Wort “durchfüttern” verleitet unnötig in so eine Diskussionsrichtung abzudriften, ich hätte es nicht gewählt, genau aus diesem Grund.

        Gruß Steffen

  • Bubblegum - 31. Mai 2015

    @alle

    seit Malthus ist es ein äußerst beliebtes Spielchen über den Rückgang von Geburten zu jammern.
    Nützlich für die Militärs, die Kanonenfutter brauchten, für das internationale Finanzkapital, das mit Hilfe solcher “Nützlinge” wie Riester, Raffelbüschen, Rürup, Miegel und Konsorten das größte Betrugssystem, private Altersvorsorge genannt, schuf. Und natürlich für die Restkapitalisten, für die sich eine industrielle Reservearmee bestens zum Lohndumping eignet.
    Mein Argument gegen diesen ganzen geistigen Quatsch ist der folgende Link, jene historische Erfahrung aus dem Mittelalter, über die intensiv nachzudenken sich wirklich lohnt.

    http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/wissenswert/wirtschaftsgeschichte-das-traurige-geheimnis-unseres-wohlstands-seite-all/3232296-all.html

    Viele Grüße Bubblegum

  • Holly01 - 1. Juni 2015

    Hi,
    in einem Land in dem mindestens 12 Millionen Menschen von ihrer Arbeit nicht leben können oder nicht genug davon haben und gar keine haben und wo sich diese 12 Mio. im Bereich der arbeitsfähigen konzentriert ist eine geringe Reproduktion wohl kaum ein Problem.
    Verstärkt wird der Arbeitsmangel durch die schubartige Automatisierung und Rationalisíerung.
    Arbeit wird in der Masse immer weiter entwertet. Wer sich das SOEP einmal anschaut oder die Werte bei querschuesse nachliest, kann schön sehen das das Medianeinkommen seit Jahrzehnten sinkt.
    Das die Gesamteinkommen halbwegs stabil geblieben sind liegt an den prozentualen Erhöhungen und den exorbitanten zusätzlichen Steigerungen bei den obersten 10%.

    Die geringe Geburtenrate ist für die breite Masse ein Segen.

    Natürlich hat die Politik bei den Sozialsystemen völlig versagt. Den sinkenden Medianeinkommen hat man eine zusätzlich sinkende Nettorentenerwartung aufgesetzt.
    Für die Meisten wird Alter in Armut stattfinden.
    Alle privaten Vorsorgen haben sich als mehr oder weniger ausgeprägten Schwindel am Kunden herausgestellt.

    Das Problem sind und bleiben die Reichen und Supereichen denen die Regierung Schröder 60 Mrd. pro Jahr geschenkt hat.
    Genau dieses Geld fehlt beim Sozialsystem. Was ebenfalls fehlt ist der politische Wille diesen Zustand zu ändern.

    Wir haben kein Problem mit der Geburtenrate, wir haben eine Problem mit der Verteilung der Mittel über das Umlagesystem.
    Sollte sich die deutsche Bevölkerung innerhalb der nächsten 40 jahre halbieren, ist das für die Produktion keinerlei Problem und sollte sich die Bevölkerung dritteln, wäre auch das kein Problem für die Produktion.
    Wir bekommen mit der Industrie 4.0 und der darauf aufsetzenden Automation sowieso weitgehend menschenfreie Betriebe.
    Was die sozialen Bereiche angeht, werden dort mehr Leute zur Verfügung stehen, als die Reichen der Gesellschaft zu finanzieren bereit sind, also auch kein Mengenproblem, nur ein Verteilungsproblem.

    • markus - 1. Juni 2015

      @Holly01:

      Stimmt. Hauptproblem ist die Verteilung.

      Das Ungewisse fuer die Zukunft ist:
      - Wird Energie weiterhin billig verfuegbar sein? (Vorraussetzung fuer Produktivaetsfortschritt)
      - Machen wir unsere Erde kaputt ?
      - Werden wir junge Menschen brauchen (belastbarer und geistig wendiger als alte)? Z.B. nach Katastrophen oder Kriegen? Um der Rentner-Republik Deutschland etwas entgegenzusetzen und zukunftsorientiert und offen fuer Neues zu sein?

  • klaus - 1. Juni 2015

    Hallo an Alle.

    Die Rente der Alten als “Durchfüttern”?

    Die Rente ist doch das Geld das wir und unsere Eltern mühsam
    eingezahlt haben.

    Der Stoff, der heute das kommunale Bauwesen in Schwung bringen soll.
    Der Stoff, den die EZB zum Anleihenkauf und zur Stützung des
    DAX benötigt. Jetzt wieder mal mit 51 Mrd Anleihenkäufen.

    Sonst wären die überbewerteten Unternehmen da, wo Sie hingehören.
    Und die Manager würden das entsprechende Gehalt minus Bonus
    dazu ernten.

    Und unsere Politiker müßten auch weltweit einen gemäßigteren Ton
    anschlagen.

    usw.

    Keine Wunder, das selbst der Neu-Deutsche und Billiglöhner erstmal Riestern angeboten
    bekommt.

    Aber mittlerweile sieht man mal den Zusammenhang von gekündigten
    Lebensversicherungen durch Hartz4 und Arbeitslosigkeit.
    Die Rückversicherer haben auch mal was zu tragen.
    Und die LVs für die Übriggebliebenen sind nix mehr wert.

    Naiv, noch über die Rente zu diskutieren.

    Der neueste Trend wird demnächst das kleine Haus für den
    kleinen Otto-Normalverbraucher sein.
    Um das restlich lose Geld einzusammeln und die
    Bauhäuser zu sponsoren.
    Dann lebt der Innenausbau wieder auf.
    Und danach wird wieder versteigert. ;)

    Grüße klaus

  • Moep - 2. Juni 2015

    Hallo in die Runde,

    unabhängig davon, dass wir natürlich über Menschen reden, die eben nicht nur “durchgefüttert” werden, bleibt meine These, dass – rein monetär betrachtet – ein Dreijähriger die arbeitende Bevölkerung im Schnitt deutlich weniger kostet als ein 85 jähriger.

    Dieser Punkt wird nicht berücksichtigt, wenn man – wie im Artikel dargestellt – die reinen anzahlgewichteten Quoten betrachtet.

    Viele Grüße

    Moep

    • Holly01 - 2. Juni 2015

      Hallo Moep,
      wir haben ein Umlagesystem. Grob kostet der Bürger die ersten 20 Jahre die Gesellschaft etwas, dann trägt er (im Durchschnitt) positiv zum Volkseinkommen bei und die letzten 20 jahre kostet dieser Mensch dann wieder etwas.
      Das alles wird in Schland über die “Arbeit” finanziert.
      Damit kommen wir zur Kardinalfrage:
      Wenn in Schalnd produziert aber nicht gearbeitet wird, woher kommt das Geld für das Umlagesystem?

      Die politische Antwort haben wir mit der Agenda2010 bekommen. Gar nicht, es gibt kein Geld für ein Umlagesystem.
      Die Gesellschaft und ihre Menschen fallen auf die gesetzliche Grundlage zurück.
      Das heisst der im Grundgesetz verankerte Sozialstaat mit seinen Mindeststandarts wird zur Bemessungsgrundlage.
      Das nennt sich H4, Grundsicherung oder wie ich es nenne ein Schweinesystem, das die Reichen reich sein läßt und der Rest landet als Abfall in der Gosse.
      Aber das muss man weder so sehen, noch so formulieren ….

      • Moep - 3. Juni 2015

        Hallo Holly,

        vielleicht haben wir uns missverstanden. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass die im Artikel verwendeten Quoten “Altenquotient” und “Jugendquotient” monetär betrachtet nicht gleichwertig sind, da beide Bevölkerungsgruppen vermutlich unterschiedlich hohe Kosten im Sinne von Geld generieren.

        Aus diesem Grund kann man sie, wenn man das Rentensystem betrachtet, nicht als Gleichwertig betrachten und deshalb ist die Aussage des “Abhängigenquotienten” in diesem Zusammenhang fragwürdig.

        Beste Grüße
        Moep

        • Holly01 - 3. Juni 2015

          Da liegen Sie wohl richtig und ich habe anscheinent nur gelesen, was ich meinte, nicht was Sie ausdrücken wollten.
          Sry.

  • DiMarzio - 4. Juni 2015

    Deutschlands größtes Problem ist im Moment nicht die Rente und damit die Rentner, sondern es sind die Babyboomer, die gerade aus dem Konsumzyklus in einen Sparerzyklus “hinüberrutschen” und damit zu einem gewaltigen Umsatzausfall für die deutsche Wirtschaft führen. Das heisst wiederum weitaus weniger Arbeitsplätze, Kreditausfälle, etc…

    Dieser Zyklus hat gerade begonnen und wird in den nächsten 10 Jahren zu dramatischen Wirtschaftsverwerfungen in Deutschlnad führen.

    Den schwarzen Peter haben also nicht die Rentner… und bei einem starkten Wirtschaftsabschwung kann man ohnehin niemandem die Schuld geben. Es sind die 81 Mio. Deutschen, die ein Geschäftsmodell aufgebaut haben, dass sich jetzt demografisch und wirtschaftlich überlebt hat.

    Hat nichts mit Schwarzmlerei zu tun, sondern mit simpler Analyse von altersbedingten Konsumzyklen.

    Gruß Thomas