Zur Jobqualität in den USA
Gastbeitrag von Hajo
Heute zeige ich nur einen einzigen Chart, der es allerdings in sich hat.
Dieser reflektiert die monatliche saisonbereinigte Entwicklung der Anzahl von Produktionsarbeitern und einfachen Angestellten (ohne Führungsaufgaben) im Güter produzierenden Gewerbe seit 1947. Das Allzeithoch lag im Juni 1979 bei 19,1 Mio. Das letzte Zwischentop nach der Rezession von 2001 wurde im April 2006 mit rund 16,7 Mio. Arbeitsplätzen markiert. Und dann ging es bis Februar 2010 rasant abwärts: Damals waren nur noch rund 12,7 Mio. Personen beschäftigt – ein Minus von rund 3,95 Millionen . Bis einschließlich Dezember 2011 hatte sich der Bestand wieder um kärgliche 388.000 Arbeitsplätze auf 13,1 Mio. erholt.
Warum ich gerade diesen Personenkreis ausgewählt habe, liegt u.a. an den durchschnittlichen Wochenverdiensten: Im Dezember 2011 wurde hier mit 860 Dollar ein neues ATH erzielt. Dies ist im Vergleich zu anderen Sektoren Spitze. Doch leider schrumpft diese Gruppe von relativ gut verdienenden Arbeitern und einfachen Angestellten seit 2000 sukzessiv und massiv – ein Negativeffekt der Globalisierung!
Zum Vergleich die durchschnittlichen Wochenverdienste einfacher Angestellter in einigen anderen Sektoren:
Finanzsektor: 804 $
Bildungs- und Gesundheitsektor: 680 $
Einzelhandelssektor: 422 $
Freizeit-, Hotel- und Gaststättensektor: 286 $
Bildungs- und Gesundheitsektor: 680 $
Einzelhandelssektor: 422 $
Freizeit-, Hotel- und Gaststättensektor: 286 $
Im Einzelhandel und im Freizeit-, Hotel- und Gaststättengewerbe ist der Anteil von Teilzeit-Beschäftigten bzw. saisonal nur kurzfristig eingestellten Mitarbeitern – wie auch hierzulande – besonders hoch.
Quelle Daten: Research.stlouisfed.org/fred2/Portal Datenbank
Ein Gastbeitrag von Hajo
Kontakt: info.querschuss@yahoo.de


martin - 5. Februar 2012
Interessant der Nebeneffekt der Globalisierung. Kann mich noch erinnern, wie ich im Freundeskreis diese Entwicklungen vorhergesagt habe. Damals im Bezug zur EU und deren Erweiterungen, dass sich Preise, Löhne etc. auf Dauern angleichen werden.
D.h. bei uns geht es preislich bergab, bei den anderen bergauf. Für die Zukunft verheißt dass alles nichts gutes – es sei den, die Globalisierung und freie Welt des Kapitals und des Warenaustausches wird beschnitten.
Um zu zeigen, wie mittlerweile die Preise weltweit sich anpassen hier ein Beispiel: Letztes Jahr war ich in Vietnam. Dort kostet die Dose Bier (billigste Sorte in VN hergestellt) ein wenig mehr als die billigste Sorte hier in D (0,35 EUR je 0,5l).
Vll. weiss ja ein Leser mehr – gibt es vll. eine Statistik / Quelle dazu, wo Lebensmittelpreise weltweit (welche auch direkt im Land hergestellt werden und keine Importwaren sind) verglichen werden? Oder über Hilfsmittel wie Energiegehalt des Lebensmittel (z.B. um Reis, Kartoffeln und Mais miteinander zu vergleichen).
Falls jemand über so etwas verfügt wäre ich sehr dankbar, wenn er es hier mitteilen könnte!
Weltenbrand - 6. Februar 2012
Globalisierung = “Lohnveredlung” für alle!
fonda pepe - 5. Februar 2012
Im Zusammenhang damit:
http://www.welt.de/wirtschaft/article13851764/Die-duale-Ausbildung-schafft-Arbeitslose-im-Alter.html
Kann mir jemand erklären, warum man die duale Ausbildung ändern möchte.
In Amerika z.B. sind viele Ausbildungsberufe hoch angesehen.
flurdab - 6. Februar 2012
@ fonda pepe
Wenn man liest das diese Studie vom Ifo- Institut kommt, also von Prof. (Un) Sinn, dann kann man sich auch erklären was der Unfug soll.
Diese Studie trifft vor Logikfehlern!
In dieser Studie werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ein Facharbeiter, nehmen wir einmal einen Dachdecker, hat mit 15 seine Lehre begonnen und arbeitet seine 40 Jahre durch, wird mit 55 im Regelfall körperliche Einschränkungen ob seiner Arbeit haben. Wird er aber mit 48 arbeitslos, ist eine Einstellung in seinem Beruf mehr als unwahrscheinlich. Weil er für den Arbeitsmarkt schon zu “alt” ist.
Die meisten zum Vergleich herangezogenen Abiturienten und Akademiker werden eine völlig andere Berufliche Laufbahn eingeschlagen haben. Z.B. Verwaltungsangestellte, Öffentlicher Dienst etc. Auch in diesen Berufen muss man für sein Geld arbeiten, aber die körperliche Beanspruchung ist eine andere.
Ein Abitur reicht auch nicht aus um einen Beruf zu begründen, es folgt Ausbildung oder Studium
Logikfehler, Obacht!
Es wird mit der Zahl der heute 55 Jährigen argumentiert, diese haben ihr Arbeitsleben irgendwann um 1972- 1977 begonnen. Von diesen ausgehend wird heute auf die kommende Zukunft prognostiziert, ohne die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder technischen Veränderungen der nächsten 35 Jahre überhaupt auch nur erahnen zu können. Und eine Veränderung heute würde ja erst in besagter Zeitspanne eintreten.
Warum also eine solche Studie?
Ganz einfach, den Arbeitgeberverbänden ist die Ausbildung zu teuer. Da sie auch nicht vorhersagen können wie hoch der Facharbeiterbedarf in 35 Jahren ist, möchten sie gerne die Kosten jetzt reduzieren. Facharbeiter bzw. qualifizierte Mitarbeiter kann man doch im Ausland einkaufen, wenn man sie braucht!
Alle anderen Jobs kann man anlernen, wird heute schon so gemacht!
Hat den Vorteil das man keinen Facharbeiterlohn zahlen muss.
Wichtig ist das die Ausbildung von jemand anderem bezahlt wird. Alternativ kann man diese ja auch in den Bereich der Öffentlichen Bildung verlagern. Dann bezahlt eben der Steuerzahler die Ausbildung an der “Technischen Fach/ Hochschule.
Das ist der ganze Zauber hinter der Studie. Die Vernichtung der dualen Ausbildung.
Noch zum Ende angemerkt, es ist Volkswirtschaftlich dumm. Aber bis diese Bombe platzt, sind die Eierleger schon gestorben. Vorher haben sie aber noch schöne Gewinne gemacht!
Holly01 - 6. Februar 2012
860 $ mal 50 Wochen mal 0,75 ergibt 32000 € Bruttojahresverdienst.
Das sind dann die Besserverdiener in den USA.
Ich kann beim besten Willen nicht verstehen woher die gegenwärtige Nachfragekrise kommt ……
Man spart an Löhnen und an öffendlichen Einrichtungen und die Nachfrage sinkt trotzdem.
286 $ mal 50 Wochen mal 0,75 ergibt Armut.
Graswurzel - 6. Februar 2012
Die Situation von 1940-2012 muss natürlich auch vor dem Hintergrund der progressiven Erwerbstätigenentwicklung in dieser Periode gesehen werden – bei einer heutigen Gesamtbevölkerung von 310 Mio. Seelen in den USA liegt diese sehr stark über dem Bestand von 1940.
Realistisch betrachtet sind heute wohl nur noch 5-10 % der Gesamtbeschäftigten der Vereinigten Staaten von Amerika im industriellen Sektor beschäftigt während es 1942 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens 40 % waren. Selbst in D heute sind es lediglich noch etwa 18 % (und selbst in der Industrie gibt es hier jetzt Niedriglohnexzesse, ich kann das hauthah miterleben – direkt aus dem Herzbereich der Industrie in Baden-Wü.)
Der Einzelhandel in den USA besteht ohnehin fast nur noch aus der Distribution von China-Importen bei Wal-Mart (ich kann mich noch an 500 MRD $/jährliches (!) Handelsbilanzdefizit erinnern, das sieht aber in der EU grauenhafterweise genauso aus). Ein völlig untragbarer Zustand.
Was Öffentlicher Dienst und und Bankdienstleistungen im weitesten Sinne anbelangt wird in den USA jetzt das kahlgeschlagen was bei uns schon 1990-2010 entsorgt wurde (wir in D. haben in den letzten zwei Dekaden alleine im ÖD mindestens zwei Mio. Vollzeitarbeitsplätze vernichtet). Selbst die US-Army reduziert nunmehr gnadenlos – die Amis konzentrieren ihre Finanzierung nunmehr auf Luftwaffe, Marine und Drohnen (also Bereiche mit geringer Personalintensivität).
Catweazle - 6. Februar 2012
Toller Chart, vor allem wenn man das Bevölkerungswachstum bei den Amis dazu betrachtet.
Georg Trappe - 6. Februar 2012
Vielen Dank fuer dieses Chart!!! Es dokumentiert einen dramatischen Vorgang, der dem Rest der Welt in dieser Auspraegung nicht bewusst ist. Wie auch, bei einer Berichterstattung in den hiesigen Mainstreammedien, die den Verdacht nahe legt, bewusst Zerrbilder ueber die Zustaende in dem der neoliberalen Agenda als Beispiel dienenden Land zu transportieren.
http://www.zeit.de/2012/04/USA-Interview-Kullman?commentstart=33#cid-1825020
Selbst in den USA ist das Bewusstsein ueber diesen Vorgang nur sehr vage und ausserhalb der Bevoelkerungsteile, die es direkt betrifft, kaum vorhanden.
Ich zitiere hier mal aus einer Diskussion in einem anderen Forum, was ich fuer eine sehr zutreffende Beschreibung der Probleme amerikanischer Selbstwahrnehmung halte:
Zitatanfang
“Dieses Herrschaftsmodell ist in die Krise geraten. Nicht mehr und nicht
weniger.”
Nein. Ein Machtanspruch ist nicht die eigentliche Kraft, der diese Krise
treibt. Es ist vielmehr die calvinistisch-puritanische Weltanschauung,
auf dem das amerikanische Gesellschaftsmodell fußt und dessen
Unterlegung bei jedem Problemlösungsansatz als prinzipielle
Selbstverständlichkeit gar nicht hinterfragt wird, sowie es in
Deutschland ebenso eine Selbstverständlichkeit ist, dass bei so ziemlich
jeder erdenk. Problemstellung reflexartig ein Marxscher
Kapital&Arbeit-Konflikt unterstellt wird.
Zum Pudels Kern: Auf dem Altar, auf dem in Amerika geopfert wird, steht
die Grundüberzeugung: “Wenn du es wirklich willst, dann kannst du es
schaffen und du bist der selbstverantwortliche Besitzer deines Erfolges.
Wenn du es nicht schaffst, so hast du es nicht richtig gewollt und du
bist daher auch selbst schuld an deinem Versagen.”
Und wer ist dann an dem schleichenden Niedergang der USA als
Gesellschaft bzw. als Nation schuld? Jared Loughner hatte “Das
kommunistische Manifest” von Marx, “Mein Kampf” von Hitler und “Alice im
Wunderland” von L. Carroll gelesen und ist anschließend zu dem kirren
Schluss gekommen, dass eine Frau Gifford dafür die Verantwortung trägt,
sprich: der Attentäter hat Null Ahnung was eigentl. Sache ist und
leidet, wie seine restlichen Landsleute auch, zudem unter einer
erheblichen ideologischen Betriebsblindheit, die man defakto nur durch
große Distanz zur Sache heilen kann.
Zitatende
Die Verneinung des Machtanspruchs lasse ich mal aussen vor. Allerdings der Kern des Pudels ist meiner Meinung nach ganz hervorragend ausformuliert. Sowie der Hinweis auf Null Ahnung was eigentlich Sache ist, und das daraus resultierende leiden an ideologisch bedingter Betriebsblindheit.
Ich teile auch die Einschaetzung, das eine Heilung von innen heraus eher ans Unmoegliche grenzt.
M.U. - 6. Februar 2012
“Zum Pudels Kern: Auf dem Altar, auf dem in Amerika geopfert wird, steht die Grundüberzeugung: “Wenn du es wirklich willst, dann kannst du es schaffen und du bist der selbstverantwortliche Besitzer deines Erfolges. Wenn du es nicht schaffst, so hast du es nicht richtig gewollt und du bist daher auch selbst schuld an deinem Versagen.””
Willkommen in der Optimismus-fabrik. Auch bei uns erfreut sich die “Mäusestrategie” immer größerer Beliebtheit. Hoffen, wir mal das es hilft und diese Dame unrecht hat.
“Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt ”
frank_meck - 6. Februar 2012
@ Georg Trappe
“Wie auch, bei einer Berichterstattung in den hiesigen Mainstreammedien, die den Verdacht nahe legt, bewusst Zerrbilder ueber die Zustaende in dem der neoliberalen Agenda als Beispiel dienenden Land zu transportieren.”
Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass immer, wenn die Aktienindizes stark nach unten zu gehen drohen, in den Massenmedien “positive” Wirtschaftsnachrichten verbreitet werden. Das beruht aber auf dem Trugschluss, dass es sich um eine Konsumverweigerung der Verbraucher handelt. Nebenbei stabilisiert es das System zeitweise. Ich weiss aber nicht, ob die Leute noch zehn Jahre ruhig bleiben werden. So lange wird die Krise ja noch mindestens dauern, wie jetzt schon auf oberster Ebene zugegeben wird.
mitwisser - 6. Februar 2012
Diese Zahl bestätigt mir nur die industrielle Strukturkrise in die die USA vom eigenen Establishment gesteuert wurden. Von einer einstmals leistungsfähigen Industrie sind nur noch Fragmente übrig, vor allem in der Rüstungs- und Flugzeugindustrie und mit einem Zwischenhoch die Autohersteller. Letztere werden aber die Koreaner und bald auch die Chinesen platt machen. Auf dem Highway mit Cruise Control grad aus zu fahren haben die auch schon im Programm, für ziemlich wenige Dollars sogar. Wer solls dem Prekariat dort verdenken, wenn er sich die hiesigen Produkte nicht mehr leisten kann.
In den USA wurde ähnlich deindustrialisiert wie unter Thatcher, nur mit viel weniger Getöse. In den 80ern habe ich schon immer mal geschaut wo Haushaltswaren und ähnliches in den USA her kamen….und damals schon kamen viele Produkte fast ausschliesslich aus China, oder sonstwo her. Das hat sich seitdem noch auf viele andere Produkte ausgeweitet. (zweifellos folgen wir in vielen Bereichen nur mit einigen Jahren Zeitversatz)
Wäre aber spannend zu beobachten, wenn die Amis wieder anfangen müssten, die Dinge des täglichen Gebrauchs als auch der Industrie wieder selbst herzustellen.
chotschen - 6. Februar 2012
Man muss schon mehrere Faktoren bedenken, wenn man die Schrumpfung des industriellen Sektors betrachtet.
Einerseits hat die USA ein für diese Nation größeres Leistungsbilanzdefizit. In solchen Länderntut sich besonders die Industrie schwer, die von den Preisnachteilen im Ausland am meisten leidet (einefache Transportierbarkeit), während der Dienstleistungssektor vor ausländischer Konkurrenz wenig fürchten muss.
Zweitens, hat die US-Autoindustrie in Zusammenarbeit mit der Ölindustrie dafür gesorgt, dass sich die dortigen Autohersteller wenig Mühe bei der Entwicklung effizienter Antriebe bzw. Verbrennungsmotoren gemacht hat und so mit zunehmender Konkurrenz aus dem Ausland so sehr geschwächt wurde, dass viele Autos mittlerweile aus anderen Nationen kommen und die amerikanischen Autos auf anderen Kontinenten unbeliebt sind. Schon die zwischenzeitige Schwächung der Einnahmebasis reichte aus, um in langfristige Probleme zu geraten.
Gleichzeitig hat man die Industrie viel zu sehr auf militärische Produkte ausgelegt, die mit dem Ende des kalten Krieges auch mehr und mehr überflüssig wurde.
Wenn man einerseits die Etablierung von moderner nachhaltiger Industrie aus genannten Gründen verhindert (hat) und auf der anderen Seite von typischen Auslagerungseffekten ins Ausland betroffen ist, dann bleibt vom Industriesektor nicht mehr viel übrig. Da hilft auch der Billiglohn der Arbeiter nichts. Ganz im Gegenteil. Wenn man durch schwache Gewerkschaften für Branchenabschlüsse statt Flächentarifverträge sorgt und die Arbeiter in den produktiven Firmen mit der hohen eigene Produktivitäten statt mit der niedrigeren durchschnittlichen Produktivität bezahlt werden, dann macht mans den produktiven Branchen extra schwer.
Die skandinavischen Länder sind ein gutes Beispiel, wie man in einer sozialen und gut bezahlten Wirtschaft moderne Industrien hält.
Dass der Anteil der Inustrie am BIP nach und nach sinkt ist aber teilweise auch normal mit fortschreitender Entwicklung. Das ist im weltweiten Durchschnitt so. Auch wenn es das ein oder andere Land wie Chian gibt, dass durch Exportsubventionierung gegen den Striom schwimmt. Da Industrie im Durchschnitt produktiver als Dienstleistungen werden, das Nachfrageverhältnis zwischem II und III Sektor aber nicht mit dem Produktivitätsverhältnis vom II und III Sektor steigt, braucht man einfach immer weniger Arbeiter als Anteil an der Volkswirtschaft, um die nachgefragten Industriegüter zu produzieren.
Georg Trappe - 9. Februar 2012
Weil es zum Thema passt und die Zustaende in anderen Laendern vergleichend beleuchtet:
https://rwer.wordpress.com/2012/02/08/low-wage-lessons/