Bad Bank als getarnte Wunderwaffe

von am 29. Oktober 2011 in Allgemein

Die Bad Bank der verstaatlichten Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) verwaltet von der FMS Wertmanagement, trägt zu einem Abbau der Bruttostaatsverschuldung Deutschlands von -56 Mrd. Euro bei, es geschehen noch “Wunder”. Im Zuge dessen sinkt der Bruttostaatsschuldenstand Deutschlands zu einem wichtigen Zeitpunkt von 84,2% des nominalen BIPs auf 83,2% und dies verschafft etwas Luft. Was im Mainstream als Rechenfehler bzw. Buchungskorrektur in der Bilanz der Bad Bank dargestellt wird, ist vor allem ein Ergebnis bewusster, mangelnder Transparenz und schlechter Kommunikation durch das FMS Wertmanagement und den Verantwortlichen aus dem deutschen Finanzministerium.

Bezeichnender Weise wurde das Finanzministerium nach eigenen Angaben bereits Anfang Oktober informiert und die korrigierten Zahlen wurden bereits an Eurostat in Brüssel gemeldet, was zu einer rückwirkenden Absenkung des Bruttoschuldenstandes Deutschland führt. In der Öffentlichkeit ploppt der Vorgang erst jetzt auf. Selbst die FTD übernimmt die dürftige Darstellung offizieller Stellen ohne weiter zu hinterfragen: “Bei FMS Wertmanagement räumte man im jüngsten Halbjahresbericht ein, dass sich die Verbindlichkeiten reduziert hätten, weil neuerdings Barsicherheiten für Finanzderivate saldiert in den entsprechenden Bilanzposten ausgewiesen würden. Bisher hatte man die Summen der Sicherheiten einfach aufaddiert.”

Die FMS hatte rückwirkend ihre Bilanzsumme für 2010 um -24,5 Mrd. Euro korrigiert und damit auch weniger Verbindlichkeiten ausgewiesen als zuvor. Im Halbjahresbericht für 2011 senkte man die Bilanzsumme, Dank der “Derivate-Saldierung” weiter, so dass die Bilanzsumme zum 30. Juni auf insgesamt 301,8 Mrd. Euro sank, ursprünglich 357,8 Mrd. Euro. Die Verbindlichkeiten der Bad Bank über das FMS Wertmanagement  fließen direkt in den deutschen Bruttostaatsschuldenstand ein.

Die reduzierte Bilanzsumme der Bad Bank zum 30.06.2011 von noch 301,8 Mrd. Euro.

Das Kreditportfolio der Bad Bank in der Tabelle. Die Summe der vergebenen Kredite betrug 179,5 Mrd. Euro, darunter 60,2 Mrd. Euro Kredite an die PIIGS. Irgendwie auch nett, diese Bezeichnung PIIGS, in einer offiziellen Bilanz einer verstaatlichten Bad Bank zu lesen.

Im Finanzkapitalismus des 21. Jahrhunderts geschehen aber keine Wunder bezüglich sinkender Verbindlichkeiten bzw. diese lassen sich durchaus mit Bilanzierung erklären. Eigentlich gibt es als Erklärung nur zwei Möglichkeiten oder eine Mischung aus Beiden, die erste Möglichkeit, die HRE musste bis zur Auslagerung ihrer faulen Assets in die Bad Bank, ihre Bilanz nach International Financial Reporting Standards (IFRS) erstellen. Nach dem europäischen IFRS-Rechnungslegungsstandard müssen Derivate zu ihrem Marktwert bzw. auch Wiederbeschaffungswert bilanziert werden, also nach dem aktuellen Preis für die eingegangenen Kontrakte bei den Finanzwetten. Die Bad Bank dagegen bilanziert nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) und hat dies aber nicht bereits bei Übertragung der Vermögenswerte getan. Nach HGB werden zwar für Derivate relative umfangreiche Angaben verlangt, aber eben lasche Vorschriften wie Derivate zu bilanzieren sind. Insofern könnte die wundersame Senkung der Derivate auf ein simples Netting der Derivate-Positionen, dem gegenseitigen Verrechnen (Saldieren) entstanden sein bzw. einfach durch die Anwendung der HGB-Rechnungslegung für Derivate. So können laut HGB Zinsswaps, die immer den größten Teil der Derivate ausmachen, komplett unbilanziert bleiben, wenn sie im Bankbuch stehen. Auch im Handelsbuch besteht großer Gestaltungsspielraum bei Derivaten, es können aus Grund- und Sicherungsgeschäft Bewertungseinheiten gebildet werden, dann wird das Grundgeschäft (vergebener Kredit) zu fortgeführten Anschaffungskosten bilanziert und das derivative Finanzinstrument als Sicherungsgeschäft wird nicht erfasst. Im schlechtesten und hier wahrscheinlichsten Fall sind die Derivate-Wetten und deren Risiken noch vorhanden und die FMS Wertmanagement ließ sie nur durch einen anderen Bilanzierungsstandard aus der Bilanz und damit aus dem Bruttoschuldenstand des Staates virtuell verschwinden. Für diese These spricht, dass an Aufklärung und Transparenz im wundersamen Abbau der Bilanzsumme und des Bruttoschuldenstandes anscheinend kein Interesse besteht und deshalb die Geschichten von Fehlbuchungen und Buchungspfusch im Raum stehen gelassen werden.

Die zweite Möglichkeit bestünde darin, dass man eine Novation der Derivate (Novationsnetting) vornehmen konnte bzw. Teilnovationen erreichen konnte, dieser Hinweis befindet sich im Geschäftsbericht zum 1. Halbjahr 2011 der HRE auf PDF Seite 20: “Die Back-to- Back- Derivate wurden teilweise durch direkte Geschäftsbeziehungen zwischen der FMS Wertmanagement und externen Kunden ersetzt (Novation von Derivaten). ”

Bei einem potentiellen Novationsnetting entstehen nach dem Verrechnen (Nettosaldo) der Marktwerte der Derivate neue Kontrakte, dies bedeutet aufgrund bilateraler Schuldumwandlungsverträge erloschen bestehenden Derivateverträge durch die Novationsvereinbarung und wurden in ein neues Schuldverhältnis überführt. Dies könnte auf Grund der Potenz, Druck die eine selbstständige, teilrechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts innerhalb der Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (FMSA) auf die Gegenparteien der Finanzwetten ausüben kann, durchaus teilweise möglich sein. Sollten Teil-Novationen der Derivateposition erreicht worden sein, wäre dies ein gewisser Erfolg, denn hinter einer Novation steht ein erheblicher vertraglicher und technischer Aufwand und diese Umwandlung ist aufsichtsrechtlich nach § 8 GroMiKV anerkannt.

Die berechtigte Frage stellt sich, sollten also wirklich substanzielle Teilerfolge durch ein Novationnetting der Derivate erreicht worden sein und nicht nur eine Reduktion der Bilanzsumme durch eine veränderte Bilanzierung der Derivate nach HGB, warum werden sie nicht kommuniziert und warum hakt der Mainstreamjournalismus nicht nach und lässt sich mit Fehlbuchungsmärchen abspeisen.

Wie nun letztlich genau die Absenkung der Bilanzsumme bei der FMS-Wertmanagement zustande kommt, ist ohne Transpararenz ihrerseits kaum im Detail zu klären, aber noch ein weiterer Hinweis, die Übertragung der “Vermögenswerte” der HRE wurden erst zum 01.10.2010 in die FMS Wertmanagement vollzogen. Noch in der Jahresbilanz 2010 wies die HRE ein nominales gesamtes Derivatevolumen von 821,995 Mrd. Euro aus, davon 764,768 Mrd. Euro an nominalen Zins-Derivaten und 9,956 Mrd. Euro an nominalen Kreditderivatevolumen.

In der Pressemitteilung  zur Übertragung der Vermögenswerte vom 03.10.2010 wird explizit darauf hingewiesen: “Zusätzlich wurden Derivate übertragen, die ganz überwiegend der Absicherung der Vermögenswerte gegen Zinsrisiken dienen.” Dies dürfte die wundersame Absenkung der Bilanzsumme sehr wahrscheinlich erklären, denn Zinsderivate im Bankbuch oder auch im Handelsbuch, wenn sie als Absicherung gelten, müssen nach HGB nicht zum Marktwert ausgewiesen werden, sondern gar nicht.

Quelle Daten: Fms-wm.de, Fms-wm.de/PDF Halbjahresbericht der FMS Wertmangement

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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1 KommentarKommentieren

  • Querschuss - 18. November 2011

    18.11.2011:

    Wie von mir erwartet, war es kein Rechenfehler, sondern es wurde einfach anders bilanziert, nach HGB und dabei nur die Nettingposition der Derivate berücksichtigt. Bilanzkosmetik, an den Risiken hat sich nichts geändert.

    Die Zeit dröselt es etwas umständlich auf, aber letztlich ist der Kern wie hier im Artikel dargestellt, einfach nur die veränderte Rechnungslegung, auch kein Novationsnetting, da war ich zu “optimistisch”,
    http://www.zeit.de/2011/47/HRE-Bilanzfehler

    Gruß Steffen