Deutschland: Anzeichen einer deindustrialisierten Zone?

Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall Dr. Rainer Dulger sieht in einem Interview in der Welt erste Anzeichen für eine Deindustrialisierung in Deutschland. Dieses Interview gibt einen sehr schönen Einblick in die bizarre Gedankenwelt führender Akteure in diesem Land, indem Fall des Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, einer Gedankenwelt abseits jeder gesamtvolkswirtschaftlichen Logik und jenseits aller Fakten.

Dulger argumentiert in dem Interview abseits simpler volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Die mögliche Rente mit 63, bei 45 Versicherungsjahren, die Mütterrente und der Mindestlohn, in Folge arbeitsmarktpolitische Probleme, werden ins Feld geführt und suggerieren anhand der Fragestellung im Interview, einen direkten Zusammenhang mit den schwachen Investitionen von Unternehmen in Deutschland. Dulger beklagt, dass in vielen Unternehmen die Investitionen unter den Abschreibungen liegen, dass dies ein erstes Anzeichen einer Entindustrialisierung ist und schlussfolgert: “Viele bauen neue Werke eben nicht hier, sondern woanders.” Als Höhepunkt müssen dann auch noch zu hohe Löhne herhalten, welche die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands untergraben, kein Wort zu über 2 Jahrzehnten darbenden Reallöhnen, zu prekärer Beschäftigung und dass natürlich auch Industrieunternehmen die Standards der Stammbelegschaften, via Leiharbeit und Werksverträge unterlaufen und das es viele Unternehmen gibt, die sich einer Tarifbindung entziehen.

Diese Aneinanderreihung von Halbwahrheiten von Dulger in dem Interview von Die Welt, am besten selbst nachlesen, ergibt ein bezeichnenden Blick, auf das deutsche Geschäftsmodell und seine Akteure, die auf gesamtvolkswirtschaftlichen Wohlstand pfeifen und nur ihre eigenen Partikularinteressen (Überschüsse) sehen!

Ein Versuch die vielschichtige Gemengelage zu sortieren und dabei einer gesamtvolkswirtschaftlichen Betrachtung Rechnung zu tragen:

Zunächst, niemals kann das absolute Niveau der Löhne in Deutschland ein Problem für die Wettbewerbsfähigkeit als Ganzes darstellen, dagegen sprechen alleine schon die exzessiven Leistungsbilanzüberschüsse:

1aDie Entwicklung der Leistungsbilanz seit 1950 bis 1969 ohne Saarland und Westberlin, von 1970 bis 1990 für die alte Bundesrepublik und von 1991 bis 2013 für Gesamtdeutschland im Chart. Es dokumentiert sich ein beispielloser Exzess an Leistungsbilanzüberschuss, gipfelnd im Jahr 2013 mit +201,38 Mrd. Euro, was 7,35% des nominalen BIPs entsprach!

1aDie Entwicklung der kumulierten Leistungsbilanz seit Januar 1971 bis Dezember 2013 im Chart. Bis Dezember 2013 akkumuliert sich ein Leistungsbilanzüberschuss der deutschen Volkswirtschaft gegenüber der Welt in Höhe von 1,7292 Billionen Euro! Der Startschuss zu diesem Exzess ist zeitlich festzumachen.

Angesichts dieses Exzesses jammert der Interessenvertreter von Gesamtmetall etwas von deutscher Wettbewerbsfähigkeit, die in Gefahr wäre. Wenn es eine Gefahr gibt, dann ist es diese Anomalie/Exzess und diese gibt es weder zu verteidigen, noch ist sie erstrebenswert, sie stellt ein immenses wirtschaftliches Ungleichgewicht mit der Welt dar und dokumentiert, wie die deutsche Volkswirtschaft unter ihren Verhältnissen lebt (Unterkonsum und Unterinvestition)! Dieses Land braucht wieder dringend ein Mindestmaß an normalen Menschenverstand und an vernünftiger faktischer Analyse, bereits dies stellt nahezu eine Revolution dar, ein wahrlich deprimierender Befund für diese Republik, seine handelnden Akteure, Politiker, Medien und Normalbürger.

Vereinfacht entspricht die Leistungsbilanz auch dem Finanzierungssaldo der inländischen Volkswirtschaft:

1aDer Finanzierungssaldo aller inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren seit Q1 1970 bis Q4 2013 im Chart. In Q4 2013 betrug der Finanzierungssaldo +66,52 Mrd. Euro, ein neues Allzeithoch und im Gesamtjahr 2013 +201,95 Mrd. Euro, ebenfalls ein Rekordfinanzierungsüberschuss auf Jahresbasis.

Die Finanzierungssalden der Sektorkonten zeigen die realwirtschaftlichen Ströme, die produzierten Güter und Dienstleistungen, sowie die daraus entstandenen Einkommen. Sie zeigen im vereinfachten Sinne die Einnahmen minus Ausgaben der volkswirtschaftlichen Sektoren. Die verfügbaren Einkommen minus den Konsumausgaben minus den Bruttoinvestitionen. Besteht ein Finanzierungsüberschuss aller inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren, also die Ausgaben waren niedriger als die Einnahmen, dann hat ausschließlich die Übrige Welt, das Ausland, ein dementsprechendes Finanzierungsdefizit eingefahren, denn deren Ausgaben gegenüber Deutschland waren höher als die Einnahmen, was entsprechenden Finanzierungsbedarf und Verschuldung des Auslands impliziert.

1aDer Finanzierungssaldo aller inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren (blau) und der Finanzierungssaldo der Übrigen Welt (Ausland) seit Q1 1970 bis Q4 2013 im Chart.

Der Finanzierungsüberschuss der inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren entspricht dem Finanzierungsdefizit der Übrigen Welt und de facto stellen die inländischen Sektoren via Nettokapitalexporte die Finanzierung der Defizite des Auslands sicher. Deutschlands Überschüsse sind also gleichzeitig auch die gesamtwirtschaftliche Ersparnis minus den Investitionen, sprich entsprechende Einnahmen aus der Produktion werden im Inland nicht verkonsumiert oder investiert, sondern fließen als Nettokapitalexport ins Ausland ab, in Direktinvestitionen, Unternehmensbeteiligungen, Finanz/Kapitalanlagen und als Kredite.

Der Saldo der Finanzierungsüberschüsse und Finanzierungsdefizite aller volkswirtschaftlichen Sektoren inklusive Übrige Welt ist immer Null.

1aDie Entwicklung der Sektorkonten seit 1970 bis 2013 für den Staat (türkis) und die Übrige Welt (rot) und seit 1980 auch für private Haushalte (blau), nichtfinanzielle Unternehmen der Realwirtschaft (grün) und der finanziellen Unternehmen (lila) bis 2013 im Chart.

Die Daten der Sektorkonten zu den privaten Haushalten, nichtfinanzielle Unternehmen und finanzielle Unternehmen sind für 2013 vorläufig geschätzt, ein wenig orientiert an der ifo-Konjunkturprognose und den darin enthaltenen Angaben zu den Finanzierungssalden der Sektorkonten. Destatis hat bisher nur den Saldo für den Staat und für die gesamten inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren veröffentlicht und damit auch für die Übrige Welt, der immer das adäquate Gegenstück zum Finanzierungssaldo der inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren darstellt.

Fakt ist, alle inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren sparen, haben höhere Einnahmen, als Ausgaben. Besorgniserregend ist das Sparen der Unternehmen der Realwirtschaft (grün im Chart), was auch die ausbleibenden Investitionen reflektiert.

“Viele bauen neue Werke eben nicht hier, sondern woanders.” …Es liegt in der Natur der Sache, dass den Leistungsbilanzüberschüssen Deutschlands nahezu adäquate Nettokapitalexporte gegenüberstehen, denn würde die deutsche Volkswirtschaft als Ganzes nicht Kapital exportieren, hätten die Defizitländer keines, um deutsche Waren und Güter zu importieren. Zu den Nettokapitalexporten gehören auch Direktinvestitionen. In einer arbeitsteiligen und globalisierten Welt muss man aber auf den Saldo der Direktinvestitionen sehen, denn ausländische Unternehmen investieren auch in Deutschland, nicht nur deutsche im Ausland:

1aDie Entwicklung des Saldo der Direktinvestitionen 12 Monate rollend (jeweils die letzten 12 Monate aufaddiert, seit Januar 1972 bis Dezember 2013 im Chart. Zuletzt im Jahr 2013 betrug der Saldo der Direktinvestitionen -16,814 Mrd. Euro. Der gesamte Nettokapitalexport aus Deutschland aber -245,332 Mrd. Euro. Der Langfristchart zeigt eindeutig, dass der Nettokapitalexport via Direktinvestitionen am äußeren Rand eher das kleinste Problem ist!

Was faselt der Gesamtmetall Präsident nur? Berücksichtigen muss man auch, im Saldo der Direktinvestitionen sind mitnichten nur neu gebaute Werke und Produktionsstätten im Ausland enthalten, sondern primär der Erwerb von Unternehmensbeteiligungen (letztlich auch klassischer Kapitalexport), statt Aktien, Anleihen oder Derivaten wird eben aus den erwirtschafteten Überschüssen eine Unternehmensbeteiligung erworben.

Der Saldo der Direktinvestitionen 2013 in Höhe von -16,814 Mrd. Euro wird “ergänzt” von -179,756 Mrd. Euro, die in Wertpapierinvestitionen und Finanzderivate im Ausland flossen und von -47,945 Mrd. Euro die an Bank- und Handelskrediten an das Ausland vergeben wurden. Die Wahrheit ist, die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse werden von deutschen Nettokapitalexporten finanziert, Unterkonsum und Unterinvestition sind nur die andere Seite der Medaille, zu der auf der Seite der Verteilungsrechnung des BIPs auch die schwache Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte gehört.

Noch die akkumulierte Version der Teilbilanzen der Kapitalbilanz:

1aDie Entwicklung der Teilbilanzen der Kapitalbilanz und der Transaktionswerte der Währungsreserven kumuliert seit Januar 1971 bis Dezember 2013 im Chart. Rot der kumulierte Saldo übrige Kapitalverkehr (Bank- und Handelskredite), blau der kumulierte Saldo der Direktinvestitionen, grün der kumulierte Saldo der Wertpapierinvestitionen und Finanzderivate und lila die kumulierte Änderung der Währungsreserven, wobei hier ein Minus für einen Anstieg/Zunahme der Währungsreserven steht.

Eindeutig sind die Masse des deutschen Nettokapitalexports simple Forderungen aus Krediten (rot im Chart), kumulierte -1200,197 Mrd. Euro und diese akkumulierten sich erst in relevanter Dimension seit dem Beginn der Währungsunion. Dann folgen die Direktinvestitionen (blau) mit -490,638 Mrd. Euro, aber am äußeren Rand mit sichtbar abnehmender Dynamik und die Wertpapierinvestitionen (grün) mit zunehmender Dynamik am äußeren Rand mit akkumulierten -309,157 Mrd. Euro, jeweils als kumulierter Saldo.

1aDie Entwicklung der kumulierten deutschen Leistungsbilanz (blau) und der kumulierten Kapitalbilanz (rot) seit Januar 1971 bis Dezember 2013 im Chart. Bis Dezember 2013 kumulierte sich ein Leistungsbilanzüberschuss von +1729,192 Mrd. Euro! Dieser Überschuss ging einher mit einem kumulierten Nettokapitalexport (Kapitalabfluss) von -2042,220 Mrd. Euro!

Kapital, welche Netto aus Deutschland abfließt kann eben nicht gleichzeitig in Deutschland verkonsumiert und investiert werden, so einfach sind die Zusammenhänge. Das von der Volkswirtschaft erwirtschaftete Einkommen fließt in den maximierten Überschuss weniger, während die Masse nicht an Exporterfolgen und Produktivitätsfortschritten partizipiert, was zwangsläufig in einer latent schwachen Binnennachfrage mündet. So sehen die Zusammenhänge aus, so ist die Logik, welche die VGR-Daten hergeben!

1aDie Entwicklung der nominalen Bruttoanlageinvestitionen (Ausrüstungsinvestitionen, Bauinvestitionen und Sonstige Anlagen (Nutztiere, Nutzpflanzungen und immaterielle Anlagegüter)) in Prozent zum nominalen BIP seit Q1 1970 bis Q4 2014. Der Trend ist eindeutig, die Investitionen sind im Verhältnis zum BIP über Jahrzehnte rückläufig.

Auch die wichtigen Ausrüstungsinvestitionen der Industrie sind unter Schwankungen im Trend rückläufig:

1aDie Entwicklung der nominalen Ausrüstungsinvestitionen (Produktionsanlagen, Maschinen und Geräte und Fahrzeuge) in Prozent zum nominalen BIP seit Q1 1970 bis Q4 2014.

Klarer Fall, die Investitionen sind im Verhältnis zum BIP schwach und der Trend ist südwärts und richtig die Abschreibungen sind nicht nur in einigen Firmen höher als die Investitionen, sondern selbst in der VGR und seiner Gesamtheit erreichen die Abschreibungen fast das Niveau der Investitionen:

1aDie Entwicklung der nominalen Bruttoinvestitionen (Bruttoanlageinvestitionen minus den Vorratsveränderungen und dem Nettozugang an Wertsachen) als Quotient zu den nominalen Abschreibungen seit Q1 1970 bis Q4 2014. Zuletzt in Q 2013 standen nominalen Bruttoinvestitionen von 112,800 Mrd. Euro Abschreibungen in Höhe von 103,060 Mrd. Euro gegenüber, damit lag der Quotient daraus bei 1,09. Der Trend ist auch hier eindeutig.

Dies sind durchaus interessante Daten, denn in der Verteilungsrechnung des BIPs ergibt die Summe aller Arbeitnehmerentgelte plus die Summe der Unternehmens- und Vermögenseinkommen das Volkseinkommen. Das Volkseinkommen wiederum zuzüglich der Produktions- und Importabgaben an den Staat (abzüglich Subventionen) und plus den getätigten Abschreibungen ergibt das Bruttonationaleinkommen. Dieses wiederum ergibt abzüglich der Primäreinkommen aus der übrigen Welt das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Die BIP-Berechnung ist im Ergebnis, ob als Enstehungsrechnung (Produktionsseite/Bruttowertschöpfung), als Verwendungsrechnung (Nachfrageseite) oder als Verteilungsrechnung (Einkommensseite) immer identisch.

Bei der Verteilungsrechnung mindern die Abschreibungen die Unternehmenseinkommen und verzerren damit ein stückweit auch die Unternehmenseinkommen und damit die Einkommensverteilung, wobei natürlich grundsätzlich Abschreibungen ihre Berechtigung haben. Nur je mehr Abschreibungen ins Gewicht fallen, umso mehr werden die Unternehmenseinkommen kaschiert und damit die eh schon hohe Diskrepanz zur Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte.

Interessant in diesem Kontext ist auch, dass das Volkseinkommen (Arbeitnehmerentgelte + Unternehmens- und Vermögenseinkommen) nur zuzüglich der Produktions- und Importabgaben an den Staat (abzüglich Subventionen) das Nettonationaleinkommen darstellen. Zieht man davon den Saldo der Primäreinkommen mit der Übrigen Welt ab, erhält man die verfügbaren Einkommen, jene also die abzüglich der Konsumausgaben und der Bruttoinvestitionen den Finanzierungssaldo der inländischen Volkswirtschaft ergeben.

Aber nochmal zurück zu den Abschreibungen, sie mindern nicht nur die Unternehmenseinkommen, was die eh schiefe Einkommensverteilung kaschiert, sind aber trotzdem BIP in der Verteilungsrechnung, sie wirken sich auch auf den Kapitalstock aus, denn dieser zeichnet die jahresdurchschnittlichen Bruttoanlagevermögen im Bestand und wird bestimmt von den Stromgrößen Investitionen minus den Abschreibungen. Der Kapitalstock ist ein wichtiger Produktionsfaktor und gibt auch über das Produktionspotential Auskunft. Er beschreibt das Sachvermögen einer Volkswirtschaft in Form von Produktionsanlagen, Maschinen und Bauten.

1aDie Entwicklung der nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen (blau), der nominalen Abschreibungen (lila), der Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte (rot) und der nominalen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer (grün) seit Q1 1991 bis Q4 2013 im Chart. Während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nominal seit 1991 um +100,7% anzogen, die nominalen Abschreibungen der Unternehmen um +95,3%, stieg die nominale Summe aller Arbeitnehmerentgelte um +66,1% und die nominalen Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer um +47,7%.

Im Jahr 2013 betrugen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen 702,71 Mrd. Euro gleichzeitig betrugen die Abschreibungen von Unternehmen 408,92 Mrd. Euro.

Die reale Betrachtung, abzüglich der offiziellen Preissteigerungen, von Unternehmens- und Vermögenseinkommen, der Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte und der nominalen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer:

1aDie Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen (blau), bereinigt um den BIP-Deflator, der Summe aller Arbeitnehmerentgelte (rot) und der Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer (grün), jeweils bereinigt um den Anstieg der Verbraucherpreise (VPI), als Index 1991=100. Während in Q4 2013 die Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer noch um -2,3% unter dem Niveau von 1991 lagen, zog die Summe aller Arbeitnehmerentgelte seit 1991 um +14,6% an und die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um +48,3%, jeweils preisbereinigt. Schön zu sehen wie Unternehmens- und Vermögenseinkommen sich erst ab 2003 deutlich absetzen.

Um zu verdeutlichen was letztlich die Binnennachfrage anschiebt, nochmal der isolierte Blick auf die Entwicklung der realen Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer:

1aDie realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1970 bis Q4 2013 (2010=100). In Q4 2013 sanken die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat um -2,90 Euro, auf preisbereinigte durchschnittliche 1633 Euro (2010=100) und dies ist immer noch um -2,3% bzw. um -39,10 Euro unter dem Niveau des Jahres 1991, dem Beginn der Datenreihe für ganz Deutschland, durchschnittlich, real, je Monat und je Arbeitnehmer! In der alten Bundesrepublik kann man bis Ende der 70er Jahre zurück sehen, um auf so ein niedriges Niveau zu kommen.

Die deutsche Volkswirtschaft tut zu wenig um die wirtschaftlichen Ungleichgewichte abzubauen und die Binnennachfrage/Massenkaufkraft zu stärken! In Betrachtung der realen Nettolöhne je Monat und je Arbeitnehmer faktisch seit Jahrzehnten nichts!

Ganz klar zeigen auch die Lohnstückosten, welchen Ursprunges u.a. die deutschen Exporterfolge sind:

1aDie Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten (vereinfacht nominales Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer durch reales BIP je Erwerbstätigen) als Index 2000=100 von Q1 2000 bis Q3 2013 im Chart, laut den Daten von Eurostat. Zwar geht es bei den nominalen Lohnstückkosten langsam in die richtige Richtung in Deutschland, aber weiterhin ist der Lohnstückkostenvorteil epochal, was auch noch besser die Jahresdaten seit 1995 zeigen.

1aDie Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten 1995=100 laut der Ameco-Datenbank, für 2013 vorläufige Schätzung von Ameco.

Dulger meint “Alles, was unsere Wettbewerbsfähigkeit schwächt, ist hochgradig gefährlich.” …..In Relation zur Arbeitsproduktivität sind die Löhne in Deutschland nicht zu hoch, sondern abgeschlagen niedrig, was den wichtigsten Exportvorteil generiert, zuzüglich guter Produkte und Marken. Der zarte Anstieg am äußeren Rand ist nur ein Minimum, was Deutschland zum Abbau der Ungleichgewichte beiträgt, aber eben bei weitem nicht genug und immer noch weit unter dem Level der Lohnstückkosten vieler anderer Länder, auch deutlich unter dem Level des Durchschnitts der Eurozone, welcher von Deutschland auch noch gedrückt ist.

Die Zusammenhänge sind eindeutig, der Exporterfolg und damit das deutsche Geschäftsmodell hat als Kehrseite seit über 20 Jahren darbenden Reallöhne, Unterkonsum und Unterinvestition, eine in Teilen marode Infrastruktur, siehe den Zustand von Straßen, Brücken, Schienen und Schulen usw. Trotz Exporterfolge sind die Produktionskapazitäten in Deutschland unterlastet, um diese besser auszulasten wäre eine viel höhere Binnennachfrage vonnöten und damit erst mal eine höhere Massenkaufkraft als Grundlage.

1aDie Entwicklung der Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie seit Q1 1960 bis Q4 2013 im Chart. In Q4 2013 “glänzte” die Kapazitätsauslastung mit nur 82,3% und liegt damit unter dem langfristigen Durchschnitt.

Ein Teil der Wahrheit ist, die deutsche Industrie investiert nicht wegen der schwachen Kapazitätsauslastung, es wäre noch deutlich mehr an Output möglich ganz ohne zusätzliche Investitionen, aber daraus eine Deindustrialisierung Deutschlands zu konstruieren ist absurd:

1aDie Entwicklung des Outputs der breit gefassten Industrie (Bergbau, Verarbeitendes Gewerbe und Energieversorgung seit Januar 1952 bis Dezember 2013 im Chart. Zwar ist nach wie vor das alte Allzeithoch aus April 2008 nicht übertroffen, nur eine Deindustrialisierung sieht abseits plumper Propaganda wahrlich anders aus.

Zuallererst leidet dieses Land an einer unredlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik, an inkompetenten Politikern, dem Eigennutz verpflichteter Unternehmer und Konzernen, an ungenügend gesamtvolkswirtschaftlicher Betrachtungsweise bzw. auf den Punkt gebracht, an den Pfründen für wenige Exporteure, Banker und Vermögende und deren Interessenvertreter in Politik und Wirtschaft.

Quelle Daten: Bundesbank.de/Datenbank, Genesis.destatis.de/Datenbank, Ec.europa.eu/Ameco-Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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