Euro-Gipfel: Vom brennenden Euro-Haus und der Angst zu löschen

von am 23. Oktober 2011 in Allgemein

Auf dem Euro-Gipfel liegen die Nerven blank. Das haben die Euro-Retter sich selbst zuzuschreiben. Denn einmal ist inzwischen nicht mehr zu übersehen, dass der Sanierungskurs, der den Euro-Schuldenstaaten verordnet wurde, die finanzielle und wirtschaftliche Schieflage dort nicht entschärft, sondern erheblich verschärft hat und insofern ein Desaster darstellt. Zweitens zeigt sich nun, nach welcher Parole die Euro-Retter in der Schuldenkrise bisher vorgegangen sind: „Rettet das Euro-Haus, aber löscht um Gottes Willen das Feuer nicht, das die Finanzmärkte speist.“

Doch wer so an die Krisenbewältigung herangeht, der kann nicht erwarten eine befriedigende Lösung zu finden. Nach der Lehman-Pleite haben die Regierungen faktisch einen erheblichen Teil der finanziellen Risiken von den Banken in ihre Bücher übernommen und sie so weiter machen lassen wie bisher. Darüber kann jetzt kein Zweifel mehr bestehen. Das haben die Banken und alle anderen aus der Zockergemeinde auch getan, mit dem Resultat, dass in der Zwischenzeit erneut finanzielle Risiken aufgetürmt wurden, die wieder unbeherrschbar geworden sind.

Die Euro-Retter müssen sich entscheiden: Entweder sie wollen den Euro retten oder die Finanzmärkte oder besser gesagt das Zockerparadies. Beides zugleich geht nicht. Das große Risiko liegt nicht in den knapp 400 Milliarden Euro, die Griechenland an Schulden aufgehäuft hat und vermutlich bald nicht mehr bedienen kann, sondern im mehr als 600.000 Milliarden Dollar schweren Derivatemarkt, der das Finanzmarktcasino darstellt und der einem Kartenhaus gleicht, das beim geringsten Anlass im Wege einer Kettenreaktion zu kollabieren und über den Groß- und Investmentbanken zusammenzustürzen droht. Dass in den USA die Bank of America jetzt Derivate im Volumen von sage und schreibe 79.000 Milliarden Dollar hält und offenbar hektisch einen Teil davon in eine Gesellschaft ausgelagert, die vom amerikanischen Einlagensicherungsfonds (FDIC) abgedeckt ist (1), muss bei allen Verantwortlichen sämtliche roten Warnlampen aufleuchten lassen. Die Tatsache, dass diese Information in der europäischen Presse praktisch nicht auftauchte, ebenfalls.

Insofern kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit allein an der Reaktion der Finanzmärkte und Börsen in der nächsten Woche schon ablesen, ob die Maßnahmen, die die Euro-Retter diesmal beschließen, ein ernst zu nehmender Schritt zur Bewältigung der Schuldenkrise sind. Sollten die Märkte jubeln und ein Kursfeuerwerk starten, ist das gewiss erneut nicht der Fall und ein Hinweis darauf, dass die Regierungen noch ein weiteres Päckchen der Finanzmarktrisiken auf die Schultern der Steuerzahler zu laden bereit sind. Freilich ist damit nichts gewonnen – außer ein wenig Zeit. Die Lösung der Krise ist weiter nicht in Sicht. Die Finanzmarktrisiken werden nicht reduziert, sondern immer noch höher aufgetürmt.

Ein schönes Beispiel dafür sind die beiden US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, die nach dem Kollaps des US-Hypothekenmarktes – er hat sich bisher nicht stabilisiert – und der Lehman-Pleite Anfang 2009 unter staatliche Aufsicht gestellt wurden. Seitdem hat sich ihre Bilanzsumme bis Ende 2010 annähernd vervierfacht auf 3,222 Milliarden Dollar (Fannie Mae) (2) bzw. verdreifacht auf 2.262 Milliarden Dollar (Freddie Mac) (3), weil die US-Banken praktisch alle Hypothekenrisiken direkt an diese beiden Institute abgeben, an zwei gigantische Müllschlucker.

Mit anderen Worten: Die Finanzmärkte generieren weiter neue, hohe Risiken. Warum auch nicht, schließlich können sie darauf hoffen, sie letztlich immer wieder beim Staat abladen zu dürfen. So auch in der Euro-Zone.

Das ist es, was uns als Krisenbewältigung verkauft wird – vermutlich auch wieder nach Abschluss des Euro-Gipfels an diesem Wochenende. Denn die Sorge um die Finanzmärkte und deren Reaktion auf die politischen Entscheidungen überwiegt alles. Weil nichts zu tun keine Option ist und niemand mehr weiß, wie die Märkte auf beschlossene Maßnahmen reagieren, liegenden die Nerven blank. Doch wie gesagt, in diese Situation haben sich die Euro-Retter selbst manövriert.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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