Island versus Griechenland

von am 29. Juni 2017 in Allgemein

GriechenlandIn den Schweizer Zeit-Fragen erschien ein lesenswerter Artikel “Island in der Hochkonjunktur – in Griechenland ein Trauerspiel” . Ohne dies inhaltlich zu wiederholen, hier einige Charts die eine starke Aussagekraft haben, welche die Aussagen im Schweizer Artikel untermauern. Eine Krise, zwei Wege in Folge und diametral entgegengesetzte wirtschaftliche und damit gesellschaftliche Ergebnisse.

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Während man in Griechenland die Gläubiger rettete und das griechische Volk und deren Volkswirtschaft ruinierte, zog sich die isländische Demokratie aus dem Sumpf, ließ die Gläubiger darin und brachte seine Volkswirtschaft aus dem Tal. Faszinierende Daten:

Die Entwicklung des nominalen BIPs von 2008 bis 2016 (als Index 2008=100) in Island (blau) und in Griechenland (rot). Während es in Island um +56,1% seit 2008 aufwärts ging, zeigt sich in Griechenland ein Einbruch der Wirtschaftsaktivität von -27,3%!

Island zeigt, eine unabhängige Wirtschafts-, Finanz-, Geld- und Währungspolitik kann in Krisenfällen Gold wert sein. Während in Island die Außenabwertung die wirtschaftliche Erholung stützte und nun die isländische Krone wieder deutlich aufwertet und damit eine Überhitzung abbremst, verharrte Griechenland im Korsett des Euro, statt adäquater Außenabwertung, gab es nur zerstörerische Austerität, Kürzung der Löhne, Renten und Sozialleistungen. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hat man trotzdem nicht erzielt.

Die Entwicklung der offiziellen Arbeitslosenquote von 1998 bis 2016 im Chart. 2016 betrug die offizielle Arbeitslosenquote in Island 3,0%, fast so wenig wie vor der Krise, in Griechenland waren es 23,6%.

Die Entwicklung der Industrieproduktion (Bergbau, Energieversorger und Verarbeitendes Gewerbe, ohne Bau) als Index 1998=100 von 1998 bis 2016 im Chart. Die Industrieproduktion in Island hat faktisch nicht gelitten und sich sehr dynamisch seit 1998 entwickelt, mit +240,0%, während in Griechenland der Output um -20,1% gesunken ist.

Die Entwicklung der Bruttostaatsschulden in Prozent zum nominalen BIP von 1998 bis 2016 im Chart. In Island sinken die Bruttostaatsschulden im Verhältnis zur nominalen Wirtschaftsleistung auf 46,2% im Jahr 2016, in Griechenland sind es immer noch 179,0%.

Während in Griechenland das ausstehende Kreditvolumen an die Unternehmen der Realwirtschaft bereits den 68. Monat in Folge im Vergleich zum Vorjahresmonat schrumpft, mit vier marginalen Unterbrechungen Anfang 2015, geht es in Island den 18. Monat in Folge aufwärts:

Die Entwicklung des ausstehenden Volumens der Kredite an Unternehmen der Realwirtschaft in Prozent zum Vorjahresmonat in Island (blau) und in Griechenland (rot). In Island stieg zuletzt im Mai 2017 das ausstehende Volumen der Kredite an die Unternehmen um +4,1% zum Vorjahresmonat, in Griechenland ging es weiter abwärts, um -2,9%.

Beide Länder schafften es ihre Leistungsbilanzen in Ordnung zu bringen, Island noch etwas besser:

Die Entwicklung der Leistungsbilanz auf Quartalsbasis von Q1 1995 bis Q1 2017 im Chart, Island (blau) und Griechenland (rot).

Obwohl beide Länder die defizitäre Phase abschüttelten, was im Strom zu weniger Nettoauslandsschulden führen müsste, konnte nur ein Land seine Nettoauslandsschulden abschütteln:

Die Entwicklung des NIIPs (dem Vermögensstatus aller Sektoren der Volkswirtschaft gegenüber dem Ausland) in Island (blau) und in Griechenland (rot) von Q1 2004 bis Q1 2017 im Chart. Während es in Griechenland faktisch keine Fortschritte gibt und die Volkswirtschaft immer noch 240 Mrd. Euro Nettoauslandsschulden hat, konnte Island seine Nettoauslandsschulden komplett abschütteln und hat nun sogar ein kleines Nettoauslandsvermögen von 91 Mrd. isländischen Kronen. In Q3 2009 waren es noch 11366 Mrd. Kronen Nettoauslandsschulden.

Und auch die isländische Zentralbank, welche bei der Verstaatlichung von 3 isländischen Banken, den Großteil von deren Forderungen übernahm, kann seine Bilanz wieder zurückfahren, ganz im Gegensatz zur griechischen Zentralbank und vor allem zur EZB, die immer noch die Bilanzsumme im Eurosystem brachial aufbläst.

Die Entwicklung der Bilanzsumme der isländischen Zentralbank von Januar 1994 bis Mai 2017 im Chart. Im Mai 2017 sank die Bilanzsumme um -18,4% zum Vorjahresmonat, auf 760,5 Mrd. isländische Kronen.

Dagegen das Eurosystem:

Die Entwicklung der Total Assets des Eurosystems seit der Kalenderwoche 53 1998 bis zur KW25 2017. In der KW25 2017 stiegen die Total Assets und damit die Bilanzsumme um +35,6% zur Vorjahreswoche, auf 4246 Mrd. Euro und damit auf ein neues Allzeithoch.

Es ist nie etwas ALTERNAIVLOS, Island zeigt, wie man es anders machen kann, viele weitere Abwandlungen, Variationen, Wege im Detail stehen offen, sie müssen nur begangen werden.

Und noch das Prägnanteste am isländischen Aufschwung, er ist getragen von einem Anstieg der Masseneinkommen, der Reallohnindex lässt auch Deutschland erblassen, von Griechenland gar nicht zu reden:

Die Entwicklung der Reallöhne in Island von Januar 1989 bis Mai 2017 im Chart. Im Mai 2017 stiegen die Reallöhne um +6,0% zum Vorjahresmonat und nominal um +7,8%! Zuletzt im Jahr 2016 stiegen die Reallöhne um +9,5% zum Vorjahr und um +11,4% nominal!! Im Chart ist schön die Krise zu sehen und der Einbruch auch bei den Reallöhnen, noch besser, wie die Wirtschafts- und Finanzkrise bewältigt wurde und die Reallöhne stark anzogen und immer noch ziehen.

Was die stark anziehenden Reallöhne bereits implizieren, die Verbraucherpreissteigerungen sind moderat:

Die Entwicklung der Verbraucherpreise in Island, in Prozent zum Vorjahresmonat, von Januar 1990 bis April 2017 im Chart. Im April 2017 betrug der Anstieg +2,0%, im Gesamtjahr 2016 waren es +1,7%. Die Krise wurde zügig bewältigt, auch der Anstieg der Verbraucherpreise normalisierte sich, trotz Währungsabwertung.

Quellen: AMECO-DatenbankCb.is/Central Bank Statistics IcelandStatice.is/Publications/The wage index in May 2017 is 3.2% higher than in the previous month

Kontakt: info@querschuesse.de

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11 KommentareKommentieren

  • BLB - 29. Juni 2017 Antworten

    Gute Arbeit.

  • Erino - 29. Juni 2017 Antworten

    Sarkozy hatte seinerzeit wohl mit dem Ende des Euro gedroht, wäre Merkel nicht auf seine Forderungen nach Schuldenübernahme eingegangen. Schliesslch standen französische Banken mit 55 Mrd euro im Feuer. Deutsche Banken und Versicherungen nur mit 25 Mrd., noch dazu mussten sich die deutschen Institute dazu verpflichten, beim Schuldenschnitt mitzumachen (im Gegensatz zu den Banken und Hedgefonds anderer Länder). Aber den Euro als “Friedensprojekt” (oder sollte man besser sagen Kriegsprojekt) aufzugeben, kanm für sie natürlich nicht in Frage.

    Je länger so ein unmöglicher Zustand aufrecht erhalten wird, desto teurer wird es.

  • JL - 29. Juni 2017 Antworten

    Island und Griechenland hatten zu Beginn der Krise 2008 in etwa dieselben Probleme.

    Island hat allerdings zwei Vorteile die Griechenland nicht hat. Island verfügt über vollkommen autonome und eigenständige Staatsstrukturen. Das fängt bei der eigenen Währung an und hört auch bei der Regierungsbeteiligung der breiten Masse durch Volksabstimmungen nicht auf. Auch die Judikative ist durchaus im Stande vorsätzliche Straftaten gegenüber Vorstände/ Aufsichtsräte zu erkennen und zu bewerten. Dort bekommt man eben nicht das Bundesverdienstkreuz erster Klasse für kriminelle Handlungen im Bankenwesen, sondern Knast- wie Betrüger im Allgemeinen eben auch.

    Den Griechen dagegen sagt man was sie zu tun oder zu lassen haben. Die dortige Regierung knickt bei allen Forderungen nach Austerität und „Reformen“ regelmäßig ein und schröpft das Land zugunsten anderer. Man ist Befehlsempfänger und ausführendes Organ, mehr nicht. Das ist kein Wunder, schließlich hat auch Griechenland mit der Aufgabe der eigenen Währung die staatliche Souveränität an Brüssel abgegeben. Die dortigen Regierungen haben bisher alles getan um den Wünschen Brüssels und auch Deutschlands zu huldigen, ein Aufschrei der Massen blieb aus und so transformiert man das geplagte Land langsam aber stetig Richtung Mittelalter.

    Ja, nichts ist alternativlos, man muß eben nur Rückrad haben- das zeigt dieser Vergleich überdeutlich.

    Mit freundliche Grüßen

    JL

  • SB - 29. Juni 2017 Antworten

    Eingestellte Charts und Interpretation kann ich spontan nicht ganz teilen.
    Eine Darstellung der Entwicklung der isländischen Krone gegenüber dem Euro und der Interpretation der absoluten und nicht nur der relativen Zahlen und Daten ergibt ein ganz anderes Bild. Island hat seine gute Lage in wenigen Jahren verzockt und die Bevölkerung wurde durch die Abwertung der Krone um in der Spitze auf nur noch 25% des Wertes vor der Krise enteignet. Griechenland war vor der Krise eigentlich bereits ein Problemfall und die Krise hat alles verschärft. Eine Enteignung durch Austritt aus dem Euro durch Abwertung wäre nicht auf industriellen Boden gefallen sondern hätte Bevölkerungsschichten ohne Vermögen weiter abstürzen lassen. Die Welt um Griechenland ist ebenfalls anders als von Island (viel Wasser bevorzugt eine Insellösung).

    Relative ist nur dann hilfreich wenn ich einen der Faktoren sehr gut verstehe. Über beide Länder kann aber sicher kontrovers diskutiert werden.

    Herzliche Gruess und Querschuesse ist relativ immer noch einer der besten Bloqs.
    SB

    • Querschuesse - 30. Juni 2017 Antworten

      man muss keine Interpretationen teilen, man kann sich seine eigenen machen 🙂
      Der Verlust beim Außenwert ist das eine, wenn eine Volkswirtschaft keine Nettoauslandsschulden hat, diese trotzdem abgebaut hat, dürfte dies verschmerzbar gewesen sein. Für den Einzelnen fehlt dann zwar eine Außenwertdividende bzw. die ist negativ, z.B. sein Urlaub im Ausland verteuert sich, aber das ist ein vernachlässigbares Problem, wie der letzte Chart zeigt. Denn wirklich relevant ist der Grad der Beschäftigung, die Entwicklung der Löhne und der Preise zu Hause im täglichen Leben. Und die Reallöhne (Bruttolöhne minus VPI) haben sich prächtig entwickelt, die nominalen Lohnzuwächse waren viel höher als die Preissteigerungen, also hat es Kaufkraftzuwächse gegeben, trotz Währungsabwertung hielt sich die importierte Inflation im Rahmen, gleichzeitig half die Außenabwertung die Krise zu bewältigen, ein optimales Szenario.

      Es macht einen Unterschied, ob die Reallöhne steigen oder nur die Bilanzen der Zentralbanken ausgeweitet werden 🙂 Das Erstere wird realwirtschaftlich wirksam, das Zweite unter Umständen nicht, bleibt im Bankensystem hängen.

      Gruß Steffen

      • Erino - 30. Juni 2017 Antworten

        Es gibt natürlich noch die Fälle, wo sich Isländer in fremder Währung verschuldet haben, um sich Immobilien anzulegen. Die hatten dann natürlich Pech, wenn sich ihre Schulden vervielfachten. Aber das hätten die ja auch nicht tun müssen.

  • Gundermann - 29. Juni 2017 Antworten

    Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient. Die Griechen begnügen sich mit korruptem Pack, dass vor allem den Interessen des obersten 1% dient. Die Isländer ließen das Pack über die Klinge springen. Jeder muss halt nach seiner Facon seelig werden. 😉

  • Jeha - 30. Juni 2017 Antworten

    @Gundermann

    Ganz so einfach ist das nicht. Griechenland hätte in einer Nacht und Nebelaktion eine andere Währung einführen müssen. Island hatte die schon.

    Eine neue Währung einführen und dabei auf Kapital aus dem Ausland angewiesen sein ist nicht lustig.

    Seinerzeit war die Aussenhandelsbilanz von Griechenland sehr negativ.

    Das bedeutet mit neuer Währung hätte Griechenland Probleme bekommen können Medikamente, Lebensmittel etc. einzukaufen.

    Auf mittlere Sicht wäre Griechenland wohl besser mit eigener Währung gefahren. Kurzfristig hätte es aber ein totales Chaos geben können.

    Das Problem ist einfach die gemeinsame Währung ohne Ausgleichszahlungen.

    Seit der Griechenlandkrise weiss ich, dass der Satz: “Die EU ist eine Solidar- und Wertegemeinschaft.” blos eine zufällige Hintereinanderreihung von Buchstaben ist. Die ergeben nur scheinbar einen Sinnzusammenhang, den aber keiner wirklich so meint.

    Gruß Jens

  • mitwisser - 30. Juni 2017 Antworten

    Ethnisch-ethische und deutliche gesellschaftlich-kulturelle Unterschiede sollten in dieser Frage auch nicht vernachlässigt werden. Auch wenn das heutzutage schnell als politisch unkorrekt gilt.

  • richy - 30. Juni 2017 Antworten

    Hierzu gibt es auch ein sehr gutes Kapitel im Buch von Matthias Weik und Marc Friedrich “Kapitalfehler”.

    https://www.infosperber.ch/index.cfm?go=Gesellschaft/Island-liess-fahrlassige-Glaubiger-im-Regen-stehen

  • Olaf23 - 1. Juli 2017 Antworten

    Oh wau, riesen Danke! Das geht ja noch über das hinaus, was ich mir gewünscht hätte. Überhaupt kannst du gerne häufiger solche vergleichenden Artikel bringen.

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