OTC-Derivate-Casino mit 707,569 Billionen Dollar an nominalen Volumen

von am 4. Dezember 2011 in Allgemein

Abseits wohlfeiler Absichtserklärungen in Punkto Finanzmarktregulierung seitens der Politik feiert das Finanzmarkt-Casino Urstände. Einen Beleg dafür lieferten die letzten Daten der Bank for International Settlements (BIS), welche als Bank der Zentralbanken fungiert, zum unregulierten Over-the-Counter-Derivatemarkt. Das ausstehende nominale Wettvolumen der Derivate explodierte im 1. Halbjahr 2011 um +18,0% bzw. um +105,523 Billionen Dollar, im Vergleich zu Ende 2010, auf 707,569 Billionen Dollar.

Die Entwicklung des ausstehenden nominalen außerbörslichen (Over-The-Counter) OTC-Derivate-Volumen seit dem 1. Hj. 1998 bis zum 1. Hj. 2011 im Chart. Im 1. Hj. 2011 stieg das ausstehende nominale Derivatevolumen mit 707,569 Billionen Dollar auf ein neues Allzeithoch.

Selbst beim Handel mit Credit Default Swaps (CDS), ob nun als Absicherung gegen potentielle Verluste aus Krediten, oder als Spekulation auf Zahlungsausfälle, kam es zu einem Anstieg des nominalen Wettvolumens, von +8,4% bzw. um +2,512 Billionen Dollar im Vergleich zum Ende. 2010. Die riskanten Kreditderivate (durch das Counterparty Risk – dem Ausfall einer Gegenpartei) stiegen nun erstmals wieder, auf ein ausstehendes nominales Volumen von 32,409 Billionen Dollar!

Die Entwicklung des nominalen Volumens der Kreditderivate seit dem 2. Hj. 2004 bis zum 1. Hj. 2011. Im 1. Hj. 2011 stieg das CDS-Volumen auf 32,409 Billionen Dollar, nach 29,898 Billionen Dollar Ende 2010. Das Hoch beim nominalen fiktiven CDS-Wettvolumen wurde im 2.Hj. 2007 mit 58,244 Billionen Dollar markiert.

Mit einem Volumen von nominalen 553,880 Billionen Dollar trugen die Zins-Derivate in der Gesamtbilanz des OTC-Marktes auch im 1. Hj. 2011 den größten Anteil und stiegen im Vergleich zu Ende 2010 um +19,05%.

Es folgen die Devisen-Derivate mit einem Volumen von 64,698 Billionen Dollar, ein Anstieg von +11,94% zu Ende 2010.

Die Rohstoff-Derivate stiegen um +9,41% zum Ende 2010, auf ein ausstehendes Volumen von 3,197 Billionen Dollar.

Die Aktien-Derivate kletterten auf ein Volumen von 6,841 Billionen Dollar, ein Anstieg von +21,4% gegenüber Ende 2010.

Der Bruttomarktwert (Gross Market Value) der OTC-Derivate, welcher den Wiederbeschaffungswert bzw. die Wertänderung aller bestehenden Verträge anzeigt, sank allerdings um -8,35% im Vergleich zu Ende 2010, auf 19,518 Billionen Dollar und ist vor allem auf den Rückgang des Marktwertes für Zinsderivate zurückzuführen.

Nach Logik der Derivate-Akteure überzeichnet das ausstehende nominale Volumen von 707,569 Billionen Dollar an OTC-Derivaten das Risiko, denn der Bruttomarktwert der Kontrakte betrug “nur” 19,518 Billionen Dollar. Die BIS liefert für das 1. Hj. 2011 zur Risikoabschätzung der Derivate noch ein Gross Credit Exposure von 2,971 Billionen Dollar, nach 3,480 Billionen Dollar Ende 2010. Das Gross Credit Exposure zeigt das Kontrahentenrisiko bzw. die Ausfallgefahr an und ergibt sich nach dem Netting, dem gegenseitigen Aufrechnen von derivativen Forderungen und Verbindlichkeiten und einem kleinen Zuschlagsfaktor für das potentiell zukünftige Kreditrisiko, welcher gestaffelt nach Restlaufzeiten der Kontraktverträge draufgeschlagen wird. Diese Sichtweise geht allerdings von optimal funktionierenden Märkten aus. Das Kontrahentenrisiko ist komplex und die Verflechtung der Verbindlichkeiten intransparent. Im Falle illiquider Märkte und dem Ausfall einer Gegenpartei, gerade bei den Kreditderivaten, ist diese Sicht nicht haltbar. Vor allem die Konzentration auf wenige Player im Derivate-Casino erhöht das Risiko. Dies dokumentiert auch der Herfindahl-Index der BIS, der das Maß für die Marktkonzentration anzeigt.

OTC-Derivate sind verbriefte Wetten zweier Kontraktparteien über die zukünftige Entwicklung von Zinsen, Währungen, Rohstoffen, Unternehmen, Anleihen, Kreditverbriefungen, Aktien und anderen handelbaren Finanzinstrumenten. Derivate, ursprünglich als Instrument zur Absicherung von Risiken geschaffen, sind das dynamischste Wachstumssegment an den globalen Finanzmärkten und zugleich ein großes Risiko für das gesamte Finanzsystem. Vor allem die Kreditderivate hatten ein effizienteres Verteilen von Risiken und damit auch die Reduzierung des aggregierten Risikos innerhalb einer Volkswirtschaft zum Ziel. Das Ergebnis war jedoch ein riesiger Kreditrisikenverschiebebahnhof, bis zur Unkenntlichkeit wurden Risiken verschoben und dienten vor allem denen, die die eingegangenen Risiken nicht tragen wollten! Derivate und ihre unzureichenden Bilanzzierungsregeln sind Hort von getunten Bilanzen und intransparenter Risiken der Banken! Derivate dokumentieren außerdem auch die ungehemmte Entkopplung des Finanzmarktes von der Realwirtschaft. Das exponentielle Wachstum dieser “Werte” birgt ein systemisches Risiko in sich. Die Explosion der Derivate-Wetten war zugleich Zeichen der Deregulierung und Liberalisierung an den Finanzmärkten.

Nun wird vermeintlich gegengesteuert. Bereits beim G20-Gipfel in Pittsburgh am 25.09.2009 wurde beschlossen bis Ende 2012 alle Derivatekontrakte weitgehend zu standardisieren und über Börsen bzw. über elektronische Handelsplattformen zu handeln und das Clearing ausschließlich über eine zentrale Gegenpartei erfolgen zu lassen. Geschäfte mit OTC-Derivaten sollen dann auch an ein Transaktionsregister gemeldet werden. Diese “Regulierung”, in erster Linie eine Standardisierung und zentrale Abwicklung der OTC-Derivate, könnte auf Grund der Vereinfachung und der vermeintlich höheren Sicherheit durch zentrales Clearing (Central Counterparties (CCPs) den Effekt haben, dass der Handel mit Derivaten für die spekulativen Akteure noch attraktiver wird, durch die Internalisierung der Risiken in die CCPs und den Effizienzvorteilen gegenüber der bisherigen bilateralen Abwicklung des Handels. Somit könnte sich ins Gegenteil verkehren, was eine ernst gemeinte Regulierung zur Eindämmung spekulativer Aktivitäten als Ansatz hätte, falls dies überhaupt je der Ansatz war. Weiterhin lassen die G-20 auch noch Ausnahmen vom zentralen Clearing zu, die nicht standardisierbaren, aber wirtschaftlich “sinnvollen” Derivaten können weiterhin bilateral abgewickelt werden. Spätestens hier wird klar, dass auch in Zukunft das Casino nicht beschränkt wird, sondern nur erweitert. Denn too big too fail wird auch für die künftig geschaffenen zentralen CCPs gelten, dreimal kann man raten, wer beim bereits systemimmanenten chronischen Moral Hazard im Finanzsystem im Notfall einspringen muss und die zentrale Clearingstelle und damit in Folge auch die Wettteilnehmer raushauen wird (Bailout). Auch die von der G-20 geplanten elektronischen Handelsplattformen dürften eine erhöhte Umschlagsgeschwindigkeit (Derivate-Trading) der Derivatekontrakte ermöglichen und dies könnte letztlich zu einer Quelle erhöhter Instabilität mutieren.

Der BIS-Bericht für das 1. Halbjahr 2011 verdeutlicht einmal mehr, nichts hat sich zum Besseren gewendet, dieselben Strukturen die zur Wirtschafts- und Finanzkrise führten sind komplett intakt und Dank Moral Hazard sind die Akteure weiterhin gewillt immense Risiken einzugehen, die potentielle Sozialisierung der Verluste über die Steuerzahler im Hinterkopf. Weiterhin harrt die Welt einer Finanzmarktreform, die den Namen verdient und die Risiken radikal durch ein Einschränken der spekulativen Aktivität minimiert. Seit Jahren wird in Punkto Finanzmarktkontrolle nur geschwafelt aber nicht geliefert.

Quelle Daten:  Bis.org/PDF: OTC derivatives market activity in the first half of 2011

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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