Rezessionsangst und kein Rezept: Hat die Wirtschaftstheorie vor 100 Jahren die falsche Abzweigung genommen?

von am 5. September 2011 in Allgemein

Nach Auffassung des Internationalen Währungsfonds kann es sich Deutschland vom Schuldenstand her durchaus noch leisten, mit einer kräftigen Finanzspritze zur Stabilisierung der Weltwirtschaft beizutragen. Das wird, vorsichtig formuliert, von vielen anders gesehen werden, selbst wenn Deutschland verglichen mit den meisten anderen Industriestaaten noch vergleichsweise gut dasteht.

Davon einmal abgesehen, mag es für viele nach Hilflosigkeit geklungen haben, als die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, jetzt Deutschland dazu aufrief, einem möglichen Rückfall in die Rezession mit einem neuen Konjunkturprogramm entgegenzuwirken. (1) Denn nach der Lehman-Pleite hatte der IWF den Industriestaaten dasselbe empfohlen. Die danach weltweit aufgelegten Konjunkturpakete waren vom Gesamtvolumen her historisch ohne Beispiel. Nie zuvor wurde in einem solch großen finanziellen Umfang die Weltwirt-schaft stimuliert.

Genutzt hat es – eine Zeitlang. Doch jetzt sind wir wieder an dem Punkt angelangt, an dem die Finanzmärkte zum Kollaps neigen und die Weltwirtschaft in die Rezession abzugleiten droht. Mehr noch zeichnet sich die gegenwärtige Lage durch größere und vielfältigere Risiken aus als es 2008 der Fall war – worauf nicht zuletzt ebenfalls der IWF erst vor ein paar Monaten hingewiesen hat. (2)

Wie groß müssten vor diesem Hintergrund also die Konjunkturprogramme nun wohl sein, wenn man bedenkt, dass das Volumen der Konjunkturpakete, die nach der Lehman-Pleite weltweit aufgelegt wurden, von keynesianischen Ökonomen bereits als viel zu gering eingestuft worden war, um einen nachhaltigen Aufschwung bewirken zu können?

Man mag sich nicht wirklich vorstellen, auf welche Beträge der Schuldenberg in den Industriestaaten anschwillt, sollte nun wieder von Austeritätspolitik ins andere Extrem umgeschaltet und neue Konjunkturprogramme aufgelegt werden. Erst recht nicht mag man sich die Konsequenzen ausmalen, sollte diese neue Runde von Stimulierungs-maßnahmen ebenso wenig nachhaltig sein wie die erste.

Andererseits ist Lagardes´ Forderung ein Zeichen dafür, dass das Vertrauen in die Austeritätspolitik als Krisenbewältigungskonzept, die liberale Antwort auf die Krise, nach Monaten entsprechender und bisher desaströs verlaufener Experimente in verschiedenen Schuldenstaaten – wie Querschuesse fortlaufend belegt – wieder zu schwinden scheint.

Was nun?

Man kommt nicht umhin sich zu fragen, ob die Wirtschaftstheorie oder genauer gesagt die Gemeinschaft der Ökonomen nicht irgendwann vor Jahrzehnten kollektiv die falsche Abzweigung genommen und freudig sowie voller Forscherdrang in eine Sackgasse eingebogen ist? Sie wähnten sich auf dem Pfad des gleichgewichtigen, unaufhörlichen Wachstums. Doch genau der scheint sich in Luft aufgelöst zu haben und nunmehr unauffindbar zu sein. So gesehen sind Konjunkturprogramme tatsächlich eine Art letzte Hoffnung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade einer der vehementesten Verfechter von Stimulierungsmaßnahmen, Paul Krugman, den Wirtschaftsnobelpreis für genau jene Arbeit erhielt (3), mit der er uns 1979 erklärte (4), wieso industrialisierte Volkswirtschaften mit ähnlicher Faktorausstattung vom Handel in einer globalisierten Welt profitieren und noch erfolgreicher auf dem Wachstumspfad wandeln können: Weil sie so die Absatzmärkte für die heimischen Unternehmen vergrößern, welche deswegen ihre Größenvorteile in der Massenproduktion besser ausspielen können. Krugmans´ Theorie des internationalen (oder auch „strategischen“) Handels war eine der zentralen Begründungen für eine im Kern neo-merkantilistische Industriepolitik und die Förderung von „National Champions“, die in den 80er Jahren die Phase der Globalisierung (und der Fusionen & Übernahmen) einläutete, vor deren Trümmern wir heute stehen.

Keine Frage, wir sind eine Zeitlang erfolgreich damit gefahren. Es sei jedoch daran erinnert, dass es nach der Lehman-Pleite gerade die „National Champions“ im Finanzsektor und in der Realwirtschaft waren, die in Schwierigkeiten gerieten (5) und mithin gerettet oder gestützt werden mussten. Und gerade sie steuern nun erneut auf schwerwiegende Probleme zu, sollten sich die Sorgen von Christine Largarde und Robert Zoellick, dem Chef der Weltbank, und anderen bestätigen und die Weltwirt-schaft in eine neue Rezession abgleiten. (6)

So betrachtet ist dieses Wachstumskonzept oder besser gesagt Wachstumsmodell nicht nur nicht aufgegangen. Vielmehr haben wir teuer dafür zu bezahlen, denn der Preis dafür ist ein höchst instabiles und krisenanfälliges Weltwirtschaftssystem, dass nunmehr seit 2008 auf Kosten der Steuerzahler und im Wege eines diagnostisch fehlgeleiteten „deficit spendings“ künstlich am Leben erhalten wird. Auf dieses Konto gehen zumindest zu einem großen Teil auch die notwendig gewordenen Staats-rettungen.

Wo also hat die Ökonomengemeinschaft die falsche Abzweigung genommen?

Vielleicht muss man dafür sehr weit zurückgehen. Schließlich begann der Siegeszug der Wachstumsideologie in den 50er Jahren mit den Anfängen der Wachstumstheorie. Die vielleicht immer noch prominenteste Alternative zur Wachstumstheorie, mit der sich die heutige Krise anders interpretieren lässt, ist Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1912. Sie steht im Kontrast zu einer Welt, die von auf Skalenerträge und Effizienzsteigerungen fokussierten National Champions geprägt ist. Denn in einer solchen Welt ist kein Platz mehr für bahnbrechende innovative Unternehmer und es erscheint zumindest plausibel, warum die wirtschaftliche Entwicklung Jahr für Jahr immer ein Stückchen mehr zum Erliegen zu kommen droht.

Ich will Schumpeters Theorie nicht glorifizieren – wo er doch später selber davon Abstand genommen hat -, denn sie ist natürlich in einer anderen Zeit entstanden, obgleich das allein noch nichts besagt. Mir geht es primär um den anderen Blickwinkel.

Sie wissen nicht so richtig, worauf ich hinaus will? Ich möchte es mithilfe einer Metapher zum Ausdruck bringen:

Glauben Sie, dass ein Kind im Prinzip schon als Professor oder Vorstandsvor-sitzender auf die Welt kommt? Halten Sie es für möglich, dass man schon im frühen Kindesalter be­stimmen kann, zu was ein Kind im späteren Verlaufe seines Lebens einmal fähig sein wird? Oder anders ausgedrückt, ob es eine schwierige Frage, die es nicht beantworten kann, auch zu keinem späteren Lebenszeitpunkt wird beantworten können?

Es mag sein, dass es Einzelfälle gibt, in denen dies möglich ist. Aber würden Sie so weit gehen zu behaupten, dass dies generell möglich ist oder mit anderen Worten, würden Sie im Falle einer Beantwortung dieser Fragen mit einem „Ja“ einen Allgemeingültigkeitsan­spruch vertreten wollen?

Wenn Sie dies täten, dann würden Sie Menschen im Grundsatz jegliche Entwicklungs­fähigkeit absprechen.

Übertragen Sie das Ganze auf die Sphäre der Wirtschaft. Die Frage könnte dann lauten: Würden Sie der Wirtschaft im Grundsatz jegliche Entwicklungsfähigkeit absprechen?

Nein, das würden Sie vermutlich nicht tun. Es würde ja bedeuten, dass beispielsweise ein Entwicklungsland immer ein Entwicklungsland bliebe.

Übertragen Sie die Frage nun auf die Sphäre der Ökonomie als Wissenschaft. Würden Sie nach dieser kurzen Vorbetrachtung nicht davon ausgehen, dass Wirtschaftswissenschaft­ler und Notenbanker bei ihrer Arbeit und Ihren Handlungs-empfehlungen für die Politik bzw. bei ihren geldpolitischen Entscheidungen die Entwicklungsfähigkeit bzw. Entwicklung der Wirtschaft selbstverständlich berücksichtigen?

Sie irren sich, wenn Sie diese Frage für sich mit einem „Ja“ beantwortet haben. Genau dies tun Notenbanker und Ökonomen, ganz gleich ob Keynesianer, neoklassischer Main­stream oder Monetaristen, nicht.

Ihre Arbeit baut im Kern immer noch auf einer statischen Wirtschaftstheorie auf, das heißt, sie haben im Prinzip eine Kreislaufwirtschaft vor Augen, ein Wirtschaft also, in der mit gegebenen, knappen Ressourcen immer dieselben Güter und Leistungen erstellt werden. Tagein, tagaus. Eine sich verändernde, entwickelnde Wirtschaft haben sie im Unterschied zu Schumpeter nicht vor Augen. Entwicklung interpretieren sie als Wirtschaftswachstum, das heißt es wird immer mehr vom Selben bzw. effizienter produziert. Die Kreislaufwirtschaft wird dabei durch technischen Fortschritt auf ein höheres Leistungsniveau gehoben, wobei auch die Produkte verbessert werden.

Ginge es den Ökonomen der Gegenwart nicht um die Wirtschaft, sondern um das oben angesprochene Kind, so würden sie folglich die „Funktionsweise“ dieses Kindes ergründen und davon ausgehen, dass dies ausreicht, um es zu jedem beliebigen Zeitpunkt seines weiteren Lebens verstehen zu können, weil es zwar größer wird, sprich „wächst“, sich nach ihrer Auffassung im Grundsatz aber ansonsten nicht verändern wird. Die Tatsache, dass es im Zeitablauf zu Änderungen in der Denk- und Handlungsweise kommt, würde vollständig ausgeblendet werden. „Entwicklung“ existiert in ihrer Vorstellungswelt nicht.

Diese Denkweise haben sich die Politiker der Industriestaaten zu Eigen gemacht.

Was also hätte der Schumpeter des Jahres 1912 wohl von der heutigen Forderung neuer Konjunkturpakte und von austeritätspolitischen Konzepten gehalten?

Stefan L. Eichner
kontakt: eichner@web.de

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