Wachstumsschub oder neue Weltwirtschaftskrise –schließt sich das Zeitfenster für die Politik?

von am 29. September 2014 in Allgemein

Ohne Zweifel erleben wir gegenwärtig an den Finanzmärkten und in der Weltwirtschaft eine vergleichsweise ruhige Phase. Eindeutige Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende ernste, krisenhafte Zuspitzung lassen sich aus den Daten nicht herausfiltern. Crashszenarien spielen derzeit in der allgemeinen, alltäglichen Debatte und Kommentierung der Geschehnisse und Entwicklungen auf den Märkten und in der Wirtschaft keine zentrale Rolle mehr. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sich in unseren Köpfen die Vorstellung verfestigt hat, Notenbanken und Politik seien in der Lage, genau dies zu verhindern.

Fragile, trügerische Stabilität der Finanzmärkte und der Weltwirtschaft

Die bisherigen Erfahrungen seit dem Ende der akuten Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise Ende 2008 und Anfang 2009 sprechen offensichtlich dafür.

Freilich ist die Finanzmarktstabilität fragil und das Wirtschaftswachstum bisher praktisch in allen Industriestaaten allenfalls schwach bis stagnierend geblieben, trotz der Liquiditätsflut, der extremen Niedrigzinspolitik und des „Quantitative Easing“ der wichtigen Notenbanken. Nicht zuletzt die Notenbanker, die ihrer Möglichkeiten zur effektiven Beeinflussung der Märkte und vor allem der Wirtschaft längst ausgereizt haben, sehen den Grund dafür in der wenig beherzten und zudem oft inkonsistenten Fiskalpolitik. Interventionisten hingegen sehen die einseitige und zu harte Politik der Konsolidierung der Staatshaushalte durch Einsparungen, Kürzungen und Steuererhöhungen eher als Ursache der Wirtschaftsschwäche an und fordern stattdessen eine staatliche Anreizpolitik zur Stimulierung von Wachstum und Beschäftigung. Ihnen wird entgegengehalten, dass den Regierungen dafür der finanzielle Spielraum fehlt und eine neuerliche starke Ausweitung der Staatsverschuldung an den Finanzmärkten schlecht aufgenommen werden würde und deswegen kontraproduktiv wäre.

Einzig die Finanzmärkte haben sich seit Anfang 2009 spürbar erholt und das gilt speziell für die Börsenkurse, die ihre Vorkrisenniveaus inzwischen vielfach weit übertroffen haben. Finanzmarktstabilität und Realwirtschaft befinden sich seitdem allerdings, so könnte man vielleicht vereinfacht sagen, nur in einer Art Seitwärtsbewegung. Schwaches Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, Nachfrage- und Investitionsschwäche sind die Kernprobleme geblieben. Von einem spürbaren Preisverfall auf breiter Front kann zwar nicht gesprochen werden. Die Inflation ist aber in vielen Industrieländern außergewöhnlich gering. Gleichzeitig hat die anhaltende Politik des billigen Geldes die Furcht vor Vermögenspreisblasen enorm erhöht. Trotzdem wird sie fortgesetzt, mithin sogar verstärkt. Lediglich die Federal Reserve hat damit begonnen, Ihr Anleihenaufkaufprogramm zurückzufahren. Über eine Zinswende wird inzwischen zwar geredet, aber wann sie eingeleitet wird, das ist noch nicht klar.

Das ist alles in allem keine befriedigende Situation, aber eine, mit der sich diejenigen, die das Geschehen auf den Märkten und in der Wirtschaft prägen, offensichtlich gut arrangieren können – so lange die Notenbanken diese Situation recht zuverlässig zu kontrollieren in der Lage sind. An den Finanzmärkten werden Profite generiert, die Reichen werden immer reicher, die großen Player in der Wirtschaft lösen ihre Umsatzprobleme durch den Kauf von anderen großen Unternehmen, was angesichts prall gefüllter Kassen kein Problem darstellt. Das erklärt die eingetretene relative Ruhe an den Finanzmärkten und die sehr geringe Volatilität.

Der dritte Risikofaktor für die Systemstabilität: die Politik

Der Knackpunkt ist zunehmend die Politik. Immer öfter wird über politische Krisen und krisenhafte politische Zuspitzungen berichtet. Der Druck kommt zum Teil von den Verlierern der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen nach der akuten Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise. Er äußert sich in Demonstrationen, Protesten, Streiks, Unruhen, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, aber auch in Separationsbestrebungen. Druck entsteht aber vor allem auch aus der anhaltenden Wirtschaftsschwäche, die den Streit um die Anteile am Welthandel zwischen Volkswirtschaften anheizt. Das äußert sich in politisch motiviertem Handeln auf den unterschiedlichsten Politikfeldern, von der Währungs- über die Handels-, Wettbewerbs- und Energiepolitik bis hin zur Außen- und Verteidigungspolitik.

So verwundert es nicht, dass auch die außen- und verteidigungspolitischen Spannungen zwischen Staaten (u.a. USA und Russland, China und Japan) und zwischen ganzen Wirtschaftsregionen weltweit zugenommen haben.

Politik für die „National Champions“ – mit dem einstigen Erfolgsmodell in den Dauerkrisenmodus

Der Grund dafür ist einfach: In einer Welt, die über die Jahre durch eine Politik der Förderung von „National Champions“ entstanden und von hochkonzentrierten, oligopolistischen Strukturen geprägt ist, liegen nationale Interessen und die der „National Champions“ sehr dicht beieinander. So lange es auf den stark vernetzten globalen Märkten genügend Wachstumspotenziale gibt, garantieren diese Strukturen eine reibungslose Entwicklung – in den Industrie- und Schwellenländern. Gibt es die nicht mehr, geht der Streit um die Anteile am Kuchen los. Die Gründung einer Entwicklungsbank und eines Währungsfonds durch die sogenannten BRICS-Staaten als Antwort auf Weltbank und Internationalen Währungsfonds des Westens, ist dafür das jüngste und deutlichste Zeichen. Über kurz oder lang wird der Kampf um die Anteile am kaum mehr wachsenden Weltmarkt zu einer ernsten Belastungsprobe für die global vernetzten und von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägten oligopolistischen Strukturen werden. Das ist sicher.

Anhaltende Wachstumsschwäche ist so betrachtet auch die größte und für die Politik offensichtlich – im Unterschied zu Problemen auf den Finanzmärkten – am schwersten auszuräumende Gefahr für die Stabilität dieser Strukturen. Denn dieses System kann nur funktionieren, so lange es Wachstum generiert. Ist das – statistisch erfasste – wirtschaftliche Wachstum jedoch im Wesentlichen nur noch ein Resultat von Konzentrationsprozessen und damit verbundener Effekte bzw. Möglichkeiten, dann fährt das System im roten Bereich. Das heißt, es gefährdet seine eigene Stabilität, weil es permanent größer werdende wirtschaftliche, finanzielle und soziale Ungleichgewichte produziert – zwischen und innerhalb von Volkswirtschaften, auf Märkten und in der Gesellschaft.

Kontroll-Illusion

In dieser Situation befinden wir uns, auch wenn sie sich auf den Märkten und in der globalen Wirtschaft schon seit Monaten als erstaunlich ruhig und, allen Unkenrufen zum Trotz, als relativ robust darstellt und wir den Eindruck haben, dass sie von der Politik sowie insbesondere von den Notenbanken kontrolliert werden kann.

Dieser Eindruck ist trügerisch. Denn die Konzentrationsprozesse laufen weiterhin ab. Dadurch vergrößern sich die Ungleichgewichte und die Basis für die Generierung von Wirtschaftswachstum wird immer schmaler. Zugleich geht das Wachstum verstärkt zu Lasten der volkswirtschaftlichen Substanz – Umweltverschmutzung (z.B. Smog in China, Fracking in den USA und Kanada), Verbrauch natürlicher Ressourcen, Überlastung der menschlichen Arbeitskraft auf Kosten der Gesundheit, heruntergekommene Infrastrukturen, Gebäude und Anlagen, Abbau des Sozialwesens, sich ausweitende Armut auch in Industrieländern usw.

In dieser Situation sorgt Wettbewerb nicht mehr für stabile und gesunde Märkte und Volkswirtschaften. Das ganze System ist instabil und krisenanfällig geworden. Für den Systemerhalt sorgt jetzt im Wesentlichen die Politik. Dabei geht es primär darum, die volkswirtschaftlich wichtigen und auf internationalen Märkten tätigen Oligopolisten zu unterstützen und mithin öfter auch darum, sie zu stützen. Die Bankenrettungen sind ein Beispiel dafür, ebenso der Einstieg der US-Regierung beim Versicherer AIG sowie bei General Motors und auch der Schritt, bestimmte Großbanken für systemrelevant zu erklären, gehört dazu.

Es ist keine Frage, dass in einer überwiegend oligopolistisch strukturierten und stark vernetzten globalen Wirtschaft das größte Systemrisiko eben von den Oligopolisten selbst ausgeht. Die Pleite von Lehman Brothers hat dies gezeigt. Die großen Konzerne sind potenziell wankende Riesen, an deren Wohl und Wehe zum Teil ganze Volkswirtschaften hängen. Sie temporär zu stützen und zu stabilisieren ist jedoch keine Lösung für das von anhaltender Wachstumsschwäche und sich verstärkenden Ungleichgewichten ausgehende Risiko für die Systemstabilität. Denn die oligopolistischen Strukturen sind inzwischen ein wesentlicher Grund für Wachstumsschwäche und Ungleichgewichte. Mega-Fusionen und Übernahmen machen es nur noch schlimmer.

Auf dem Weg zu mehr Wachstum oder zum Systemkollaps?

Es ist nicht zu übersehen, dass die Situation heute sehr viel Ähnlichkeit mit jener hat, die Rudolf Hilferding in seiner Theorie vom „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ (Stamokap) von 1910 („Das Finanzkapital“) beschrieben hat. Sie beschreibt die – nach seiner Auffassung – letzte, absterbende Phase des Kapitalismus, in der die Geldkapitalisten, die keine produktiven Funktionen mehr besitzen, die Realwirtschaft beherrschen und der freie Wettbewerb von marktbeherrschenden Monopolen und Kartellen abgelöst worden ist, deren Erfolg der Staat durch eine entsprechende Politik, vor allem auch durch eine entsprechende Außen- und Verteidigungspolitik, sicherstellen muss.

Einen solchen Kapitalismus hielt Hilferding für nicht überlebensfähig. Er werde die Klassengegensätze und das Elend so sehr vergrößern, bis es deswegen schließlich zu einer Revolution der Massen gegen dieses System komme. Bezeichnenderweise halten die Ökonomen seit den 60er Jahren annähernd jene Marktgegebenheiten, die nach Auffassung Hilferdings für die letzte Phase des Kapitalismus kennzeichnend sind, für die beste Voraussetzung zur Generierung von wirtschaftlichem Wachstum und Beschäftigung. Die klassische Industriepolitik, die in allen Industriestaaten betrieben wird, zielt darauf ab, hochkonzentrierte, oligopolistische Marktstrukturen zu schaffen und „National Champions“ – also große, international wettbewerbsfähige Unternehmen und Banken – zu fördern und zu unterstützen, insbesondere auch im Ausland.

Wer hat also recht?

Unerfülltes Wachstumsversprechen

Das Wachstumsversprechen scheint sich seit der Finanzmarktkrise in den Industrieländern nicht mehr oder nur noch sehr bedingt zu erfüllen, das Beschäftigungsversprechen noch viel weniger. Die Geldpolitik der Notenbanken bringt allenfalls noch die Finanzmärkte, nicht aber die Wirtschaft in Schwung. Die Regierungen sind – sofern sie überhaupt aktiv wurden – mit ihren Maßnahmen für Wachstum bisher ebenfalls nicht besonders erfolgreich gewesen. Armut und soziale Spannungen haben in vielen Industrieländern stark zugenommen. Der Widerstand in der Bevölkerung, dem sich Regierungen mit ihrem wirtschafts- und fiskalpolitischen Kurs gegenübersehen, ist größer geworden. In vielen Industrieländern schwindet der Rückhalt der großen, etablierten Parteien, die sich traditionell in der Regierung abwechseln oder auch miteinander koalieren. Andere, gerade auch neu gegründete Parteien gewinnen teilweise rapide an Zustimmung. Die Resultate von Wahlen etwa in der Europäischen Union zeigen dies deutlich. Die politischen Spannungen innerhalb, aber ebenso zwischen Staaten nehmen weltweit gerade auch bedingt durch die spezifischen Versuche der Systemstabilisierung und „Überwindung“ der Wachstumsschwäche zu.

Das alles spricht nicht für die Verfechter der klassischen Industriepolitik. Gleichwohl ist immer noch offen, wie diese Geschichte ausgeht. Hilferding hat immerhin den Zusammenbruch des Kapitalismus vorhergesagt, den es aber nach 1910 und bis heute nicht gegeben hat.

Die Systemkrise, die Wirtschaftsschwäche und die Politik

Es wäre, wie oben begründet, sicher ein Fehler anzunehmen, die systemische Krise, die mit dem Crash nach der Lehman-Pleite begann, sei inzwischen überwunden. Denn es reicht nicht aus, nur auf die Finanzmärkte und die Wirtschaft zu schauen. Die Politik ist der dritte wichtige und, angesichts der Bedeutung, die ihr heute für die Wirtschaft und die Finanzmärkte zukommt, sehr wahrscheinlich ausschlaggebende Faktor der systemischen Krise und zwar in zweierlei Hinsicht: Ihre Fähigkeit, 1. Finanzmärkte und Wirtschaft zu stabilisieren und 2. die Wirtschaftsschwäche und die (Armuts- und) Beschäftigungsprobleme zu überwinden.

Schauen wir für die Frage, wie viel Zeit der Politik für die Lösung der beiden Probleme noch bleibt, auf die einzige historische Periode, mit der die Phase seit der Lehman-Pleite von September 2008 überhaupt einigermaßen verglichen werden kann, zumindest in wesentlichen Punkten und Abläufen.

Phasen der Systemkrise – der Ablauf nach dem Crash von 1929

Im Oktober 1929 ereignete sich der große Börsencrash in New York, der als Auslöser für die sich anschließende Finanz- und Weltwirtschaftskrise gilt. Die Finanzmarktkrise und der sich anschließende wirtschaftliche Einbruch hat die politischen Verhältnisse erschüttert und auch gravierende politische Veränderungen nach sich gezogen. Zehn Jahre nach dem Börsencrash, im September 1939, begann schließlich der Zweite Weltkrieg. Die Überwindung der damaligen Wirtschaftsprobleme kann nicht losgelöst von den Kriegsvorbereitungen gesehen werden. Der Krieg war zumindest zum Teil „Lösung“ der Wachstums- und Beschäftigungsprobleme.

Wenn man es so betrachtet, dann dauerte es damals zehn Jahre, bis das Wachstums- und Beschäftigungsproblem „gelöst“ war und die politischen Konsequenzen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise feststanden.

Freilich lässt sich die Situation heute mit der damals nicht genau vergleichen. Es gibt viele Abweichungen. Zum Beispiel haben die Notenbanken 2008/2009 mit einer ganz anderen Geldpolitik auf die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise reagiert und so das Abgleiten in eine Depression verhindert. Die Weltwirtschaft ist heute viel stärker vernetzt als damals, was sie zwar insgesamt robuster, im Falle eines signifikanten Krisenereignisses aber auch erheblich anfälliger macht.

Der Ablauf ist heute offenbar dennoch im Wesentlichen derselbe: Börsencrash – Finanzmarktkrise, Wirtschaftskrise – Politikkrise. Denn ohne Frage gerät die Politik auf dem Weg der Suche nach einer finanziell tragfähigen, systemerhaltenden Lösung für die Wachstums- und Beschäftigungsprobleme jetzt zunehmend selbst in die Krise. Die politischen Konsequenzen der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise von 2008/2009 stehen folglich noch nicht fest und damit ist auch die Systemkrise noch nicht vorbei.

Wie viel Zeit hat das politische Establishment noch für die Entschärfung der Systemkrise?

Seit der Lehman-Pleite sind inzwischen genau sechs Jahre vergangen. Die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft wurden stabilisiert, aber es ist unbestreitbar eine fragile Stabilität. Die Wachstumsschwäche wurde noch nicht überwunden. Brüche im politischen Kurs oder in den politischen Systemen der Industriestaaten sind bisher nicht aufgetreten. Es ist aber angesichts des gestiegenen Drucks auf viele amtierende Regierungen sowie auf die großen etablierten Parteien und wegen zunehmend unklarer Mehrheitsverhältnisse in vielen Parlamenten nicht auszuschließen, dass dies noch geschehen wird. Gefährdet ist eine ganze Reihe von Staaten, die unter Wachstumsschwäche, anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und Haushaltsproblemen leiden.

Wenn es den etablierten Regierungen und Parteien gelingt, für Systemstabilität und anhaltend kräftigeres Wachstum zu sorgen und so aus dem schweren politischen Fahrwasser zu gelangen, dann wäre die Systemkrise wohl vorbei. Angesichts der bestehenden Strukturen in der globalen Wirtschaft und auf den Finanzmärkten und der damit verbundenen, oben angesprochenen Probleme ist es allerdings fraglich, ob sich beides überhaupt miteinander vereinbaren, unter einen Hut bringen lässt. Gelingt es den etablierten Regierungen und Parteien nicht, könnte die Systemkrise stattdessen mit einem politischen Bruch enden, der den Weg für andere Lösungswege öffnet.

Was davon eintritt und wie die Lösung dann wirklich aussieht, ist ungewiss. Dass es mit eine erneuten Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise endet, ist absolut nicht auszuschließen.

Bleibt die Frage, wie viel Zeit noch bleibt, um die Systemkrise zu entschärfen. Wie viele Jahre den etablierten Regierungen und Parteien für die Lösung bleiben, ist schwer abzuschätzen. Nimmt man den zeitlichen Rahmen der ersten Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise als Orientierung, dann hätten sie dafür noch bis zu vier Jahren. Vielleicht sind es mehr, vielleicht weniger. Entscheidend ist, dass für die Politik die Kuh nicht vom Eis ist. Der Druck hat sich im Gegenteil teilweise deutlich erhöht. Der französische Präsident Hollande kann ein Lied davon singen. Die Zeit, die für eine Entschärfung bleibt, läuft also bereits ab.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: info.sle@web.de

 

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23 KommentareKommentieren

  • Werner - 29. September 2014

    Krise, wo, in D?
    politisch vielleicht wegen dem bösen Putin, aber Mutti hat doch Alles im Griff und der Bundesgauckler strotzt nur so vor Hegemonialdurst. Wo also ist Krise?
    Die Wirtschaft arbeitet an TTIP, TISA, CEFTA, etc., = internationale Programme zur Fortschreibung der Oligopolisierung dank den Politikern, die sich dank der Mithilfe dort einen gut dotierten Posten erwarten – alternatives Denken – fehl gedacht!
    Doch wen interessiert es? Die, die tagtäglich dem Hamsterrad neuen Schwung einverleiben (müssen) um zu überleben? Gar denen, die inzwischen in Rente sind, ständig lamentieren über davon gallopierende Preise und stagnierende Renten, aber den Arsch nicht hochkriegen um ihr X mal bei sozial is(t) mus zu machen?

    Nein, das System fährt volle Pulle, Bremsen waren nie vorgesehen, folglich fliegt es irgendwann aus der Kurve, donnert gegen eine Wand oder stürzt über eine Klippe; es ist nicht aufzuhalten, alle profitieren davon und warum sollten gerade die, die nach einem Absturz sowieso vermehrt ins Gras beißen, es versuchen anzuhalten?

    Das geht seinen Gang, immer mehr, immer schneller, immer hungrig….und die da oben machen es seit JAhrzehnten vor; Zahlungsmoral beschissen, Forderungsmoral aggressiv, Personal = human Resourcen, Löhne & Gehälter soviel wie nötig und so wenig wie möglich und der kleine Mann lernt langsam aber stetig, dass seine Moral nur hinderlich ist und macht es inzwischen genau so – nur leider nicht konsequent, weil dann gäbe es eine Notbremsung und er flöge durch die Scheibe.
    Also, nochmals die Frage, wo ist Krise? und wenn Krise, wie stoppen?

    • Klaus - 29. September 2014

      Lieber Werner,

      ich stimme Ihnen vollkommen zu. Wie weit ist die Zitrone (System) schon ausgequetscht? Wie lange können gesellschaftliche Geschmacksnerven durch synthetische Stoffe manipuliert werden?

      Zu Ihrer letzten Frage. Was würde passieren, wenn diese Krise nicht gestoppt wird?
      Was für ein System würde kommen?

      • Frank Bell - 30. September 2014

        Wir sehen diese Krise seit 6 Jahren, seit 14 Jahren, seit 20 oder 30 Jahren.

        Jeder suche sich einen Zeitraum aus!

        UND?

        Nichts passiert. Allen geht es besser, der Wohlstand wächst, die elektronischen Spielzeuge werden immer mehr, die Autos haben mehr PS, dank RyanAir kann jeder fliegen, usw.

        Nein, die Krise ist virtuell und betrifft höchstens die Hartz IV-Empfänger. Aber die werden fertig gemacht – und die Mittelschicht freut sich!

        🙁

        • SLE - 1. Oktober 2014

          Hallo Frank Bell,

          nur um das richtig zu stellen: Der Krisenzeitraum kann nicht beliebig gewählt werden, wenn man einen Vergleich mit den Abläufen der ersten Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise wählt. Dann ist der Ausgangspunkt der Börsencrash. Der gab es im Oktober 1929 mit anschließender Finanzmarktkrise und dasselbe gabe es ab September 2008.

          “Nichts passiert”!? – ich würde sagen, das ist ein gewagter Standpunkt.

          Viele Grüße
          SLE

        • Canonfodder - 2. Oktober 2014

          Vor allem aber hat die kapitalistische Ideologie der totalen Konkurrenz nichts mit einem angeblichem Wesen des Menschen zu tun. Von jeher hatten die meisten menschlichen Individuen nicht den Ehrgeiz, in irgendeinem verrückten Wettbewerb »Sieger« zu sein, absurde Reichtümer in der Abstraktionsform des Geldes aufzuhäufen oder sich in ein goldenes Klo zu entleeren. Wenn sich aus der Modernisierungsgeschichte etwas herauslesen läßt, dann der tiefempfundene Wunsch des zum Material degradierten Menschen, endlich einmal in Ruhe gelassen zu werden, endlich einmal nicht mehr den blinden Mächten entfremdeter Strukturen ausgesetzt zu sein, endlich einmal nicht mehr von der Dynamik einer verselbständigten »Entwicklung« ruhelos gemacht und gehetzt zu werden, endlich einmal die diversen Großherren-Visagen der Weltmaschine nicht mehr sehen und das pausenlose Gesabber ihrer Pädagogen, Antreiber und Menschenverwalter nicht mehr hören zu müssen.

  • Torsten - 29. September 2014

    Und da klemmt’s schon. Uneinigkeit bezüglich der Lösungen. Ich bin bspw. gar nicht der Meinung von Werner, dass “sozial is(t) mus” die Lösung ist. Im Gegenteil, denn davon haben wir bereits viel zu viel. Allerdings an der falschen Stelle, aber sei’s drum.
    Sozialismus heißt nur, dass man einer kleinen Gruppe von Menschen unglaublich viel Macht gibt, damit sie die Probleme einer viel größeren Gruppe von Menschen lösen.
    Mithin hätten wir genau das, was wir jetzt auch haben.
    Dummerweise werden kleine Gruppen mit viel Macht nämlich früher oder später darauf bedacht sein, diese Macht noch aus zu weiten, zu ihren eigenen Gunsten oder zu Gunsten von ihrem Umfeld. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass eine prosperierende Gesellschaft dauerhaft(!) (und nicht nur für ein paar Jahrzehnte während eines Aufschuldungszyklus bis zur nächsten Währungsreform, dem nächsten Krieg oder dem nächsten deflationären Crash) nur dann möglich ist, wenn sowohl die Wirtschafts – als auch die politischen Strukturen so dezentral wie möglich angelegt sind.

    Eine Lösung kann es deshalb dauerhaft m.E. nur geben, wenn man die angesprochenen oligopolistischen Strukturen der Wirtschaft wieder so zurechtstutzt, dass wir eine polypolistische Wirtschaft haben.

    Wenn wir dafür sorgen, dass NIEMAND (auch nicht der Staat, aber schon gar nicht die Banken), das Monopol auf die Geldschöpfung hat.

    Wenn sich die Staaten auf Ihre Kernaufgaben besinnen und sich um die kümmern und nicht in alles hineinregieren und sich reinhängen.

    Wenn Bürgerrechte geachtet und von der Bevölkerung notfalls mit aller Vehemmenz eingefordert werden!

    Wenn politische Entscheidungen, die bestimmte Regionen betreffen – zumindest weitestgehend – auch dort getroffen werden, wo sie sich auswirken, d.h. regional vor global. Und zwar von der Bevölkerung(!) vor Ort!

    Und wenn wir Eigenverantwortung in der Bevölkerung haben, aber faire Eigenverantwortung, nicht diese Worthülse, von der derzeit immer die Rede ist.

    Ich bin allerdings auch skeptisch ob das im Rahmen der derzeitigen weltweiten Strukturen in absehbarer zeit passieren wird …

    • Klaus - 29. September 2014

      “Wenn sich die Staaten auf Ihre Kernaufgaben besinnen und sich um die kümmern und nicht in alles hineinregieren und sich reinhängen.”

      Lieber Torsten,

      wer bestimmt, was Kernaufgaben sind? 🙂

      “Wenn sich die Staaten auf Ihre Kernaufgaben besinnen und sich um die kümmern und nicht in alles hineinregieren und sich reinhängen.”

      Ich bin auf Deiner Seite. Milliarden Menschen vor uns, sei es durch Kriege, Armut oder sonst irgend einer Sach hätten wir hinter uns. Von derzeit sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten würden 98% zustimmen. Die Lebenwesen, sprich Tiere und Pflanzen wären froh einen lebenswerten Planeten vorzufinden.

      Aber wie sieht die Realität aus? Geschätzte 1 % der Menschen, nicht Bewohner diese Planeten gönnt uns Deinem oder meinem Traum nicht.

      …Und sagen sie das Leben sei ein Traum: das nicht;
      nicht Traum allein. Traum ist ein Stück vom Leben.
      Ein wirres Stück, in welchem sich Gesicht
      und Sein verbeißt und ineinanderflicht
      wie goldne Tiere, Königen von Theben
      aus ihrem Tod genommen (der zerbricht).

      Traum ist Brokat der von dir niederfließt,
      Traum ist ein Baum, ein Glanz der geht, ein Laut -;
      ein Fühlen das in dir beginnt und schließt
      ist Traum; ein Tier das dir ins Auge schaut
      ist Traum; ein Engel welcher dich genießt
      ist Traum. Traum ist das Wort, das sanften Falles
      in dein Gefühl fällt wie ein Blütenblatt
      das dir im Haar bleibt: licht, verwirrt und matt -,
      hebst du die Hände auf: auch dann kommt Traum,
      kommt in sie wie das Fallen eines Balles -;
      fast alles träumt -,
      du aber trägst das alles.

      Du trägst das alles. Und wie trägst du´s schön.
      So wie mit deinem Haar damit beladen.
      Und aus den Tiefen kommt es, von den Höhn
      kommt es zu dir und wird von deinen Gnaden…

      Da wo du bist hat nichts umsonst geharrt,
      um dich die Dinge nehmen nirgend Schaden,
      und mir ist so als hätt ich schon gesehn,
      daß Tiere sich in deinen Blicken baden
      und trinken deine klare Gegenwart.

      Nur wer du bist: das weiß ich nicht. Ich weiß
      nur deinen Preis zu singen: Sagenkreis
      um eine Seele,
      Garten um ein Haus,
      in dessen Fenstern ich den Himmel sah -,

      Und wenn es Nacht ist -: wasfür große Sterne
      müssen sich nicht in diesen Fenstern spiegeln…

      Aus: Die Gedichte 1906 bis 1910 (Paris, Juni 1906)

      In diesem Sinne

      Klaus
      (der dann wieder mal auf so einem Weg ein Gedicht lesen darf)

      • Klaus - 29. September 2014

        Quelle: Rilke 🙂

    • Moep - 30. September 2014

      Hallo Torsten,

      ich bin vollkommen Ihrer Meinung wenn sie sagen:
      “Eine Lösung kann es deshalb dauerhaft m.E. nur geben, wenn man die angesprochenen oligopolistischen Strukturen der Wirtschaft wieder so zurechtstutzt, dass wir eine polypolistische Wirtschaft haben.”
      Das ist für mich ebenfalls ein Puzzlestein für die neue Ordnung. Aber wie erreichen? Wenn man den Faden weiterspinnt, ergibt sich doch folgendes Szenario:

      Staat A zerschlägt seine großen Konzerne in viele Kleine. Über eine Übergangslösung (Treuhand) werden sie zunächst verstaatlicht und dann verkauft.

      Wer kauft jetzt? Die immernoch großen Konzerne im Ausland freuen sich sicher über so eine Gelegenheit. Damit wäre aber das Problem nur noch verstärkt. Also muss verhindert werden, dass diese Konzerne die neuen kleinen kaufen dürfen.

      Das bedeutet aber zwangsläufig eine neue Form von Protektionismus. Staat A muss garantieren, dass die großen internationalen Konzerne im Staat A nicht mehr auftreten dürfen, da sie sonst die vielen neuen Kleinen sofort verdrängen würden.

      Da aber alle Konzerne bereits überall vorhanden sind, käme dies einer Enteignung dieser Konzerne gleich, oder einer Zwangsverdrängung. Damit würde sich Staat A isolieren, und kein ausländisches Geld würde mehr zu ihm fließen. Ernsthafte Handelseinschränkungen sind zu erwarten.

      Die Folge: ernsthafte Probleme für Staat A UND die vielen neuen kleinen.

      Was aber ist nun eine mögliche Lösung aus diesem Dilemma?

      Meiner Meinung nach könnten entweder, die großen Konzerne überall gleichzeitig verkleinert (=zerschlagen) werden, oder es muss eine Renationalisierung stattfinden. Zölle, Währungen etc. inklusive. Denn über Zölle und Währungen lassen sich Märkte schützen ohne den Handel komplett zum Erliegen zu bringen.
      Andernfalls droht schlicht und ergreifend, dass aus den herrschenden Oligopolen defakto Monopole oder Großkartelle werden.

  • Klaus - 29. September 2014

    „Einzig die Finanzmärkte haben sich seit Anfang 2009 spürbar erholt und das gilt speziell für die Börsenkurse, die ihre Vorkrisenniveaus inzwischen vielfach weit übertroffen haben.“

    Was wäre, wenn neben der Nullzinsphase auch noch ein Kollaps am Aktienmarkt kommen würde?

    USA
    Kaum ein Land der Welt setzt so stark auf die kapitalgedeckte Eigenvorsorge wie die USA. Die private Altersvorsorge macht dort 42 Prozent der Rentnereinkommen aus. Das ist historisch bedingt: Die ersten Einwanderer in den USA waren meist auf sich alleine gestellt. Das überall verfügbare Ackerland und die Industrialisierung nährten die bis heute anhaltende Überzeugung, dass jeder für sich alleine sorgen kann. Auch sparen die US-
    Amerikaner mit 473 Euro monatlich im internationalen Vergleich deutlich mehr für ihre Rente als die Bewohner anderer Länder und auch als die Deutschen, die 305 Euro monatlich für den Ruhestand anlegen.

    http://www.jugend-und-bildung.de/files/284/Altersvorsorge_in_anderen_Laendern_09_09.pdf

    Nicht nur in den angesächsischen Länder wurde in den letzten Jahren die Bevölkerung in die private Altersvorsorge gedrängt.

    Riester etc. lassen grüßen.

    Der Vollverdiener bekommt bei einem Bruttogehalt von € 9,47 die Stunde lt. Hans-Böckler-Stiftung gerade die Grundsicherung. Wer unter € 9,50 arbeiten geht, der macht das somit nicht um Vermögen anzusammeln. Der will nicht zu den „anderen“ gehören.

    Vereinfacht ausgedrückt, die Aktienmärkte dürfen nicht noch zusätzlich kollabieren. Ansonsten wäre eine ganze Generation, die Babybommer ziemlich gekniffen.

    Ich bin im öffentlichen Dienst beschäftigt, darum vermeide ich bewusst arbeite dort, in meiner Behörde gehen von 250 Beschäftigten in den nächsten 8 Jahren 80 Menschen in den Ruhestand. Im Privatbereich wird das nicht viel anders aussehen. Das sind Dimensionen, die können nur bei einigermaßen soliden Finanzen bewältigt werden.

    Angenehmer Nebeneffekt für Wohlhabende, die Anzahl der Millionäre und Milliarde werden sich aufgrund dieses Szenarios freuen.

    Getreu nach dem Spruch: „ Die Mücken und die Wanzen sind auch ein Teil vom Ganzen“.

    • Frank Heimer - 30. September 2014

      Hallo Klaus,

      der öffentliche Dienst hat es gut. Sehr gut sogar.

      Denn die VBL ergibt eine SATTE Zusatzrente, von der man super leben kann.

      Davon können privatwirtschaftlich Beschäfigte (bei KMUs) nur von träumen.

  • dank - 29. September 2014

    OT:
    Interessant was sich so schnell nach UA in HK zusammengebraut hat – oder werden lassen:
    http://www.n-tv.de/politik/Ist-das-Doppelmodell-in-China-gescheitert-article13694991.html
    Nach RUS schlagen die Medien jetzt gleich auf China ein. Nachdem die Briten raus sind, blieben sicher westliche “unpolitische” Strukturen ala NGOs übrig und wurden ausgebaut. Siehe Venezuela: http://www.zeit-fragen.ch/ARCHIV/index.php?id=1775
    Wenn das alles mal die Vorhaben der BRICS nicht zusätzlich befeuert…

    • dank - 30. September 2014

      Kann sich das wirtschaftliche Zeitfenster denn überhaupt schließen? Oder anders herum gefragt – war es denn irgendwann einmal wirklich geöffnet? Oder läuft hier nur einfach eine Systemuhr, die nur eine Zeit, aber keine Zeiträume kennt?

      Außerdem scheint es im Moment eher ein mediales Ablenken mit UA, Israel, Ebola und IS fokussiert zu werden, vielleicht um genau dieses Herauswachsen der Probleme herbei zu beten, was vielleicht in Zeiteinheiten gemessen in den Medien funktioniert, in der realen Welt aber nur hinter Schönfärberei und Zahleninterpretation verborgen wird.

      Zu IS:
      “Ein Geheimplan erlaubt der CIA, die syrische Opposition im Kampf gegen die Truppen Assads zu unterstützen. Offiziell finanzieren die USA Funkgeräte und Medizin.”
      http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-08/syrien-un-vollversammlung-assad
      “Die US-Regierung nimmt einen immer größeren Einfluss im Syrien-Konflikt: Der US-Geheimdienst CIA hat leichte Waffen und Munition an die Gegner von Machthaber Baschar al-Assad geschickt. Das berichtet die Washington Post und beruft sich dabei auf Regierungsbeamte und nicht näher genannte syrische Quellen. Die Verschiffung der Waffen hat demnach bereits vor zwei Wochen begonnen.” (praktisch die StartUp-Waffen der IS)
      http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-09/usa-waffenlieferung-syrische-opposition
      “Die Gründung von Militärräten, die die Ordnung in Gebieten aufrechterhalten sollten, aus denen die Truppen der Regierung zuvor vertrieben worden waren, wurde von den USA zunächst unterstützt, jedoch zerfielen diese Konstrukte bald und hatten sich Anfang 2013 in zahlreiche Kleinstverbände zersplittert,…” (woraus sich auch die IS rekrutierte)
      http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerkrieg_in_Syrien#Bewaffnete_Opposition
      “US-Präsident Obama sagt, die Geheimdienste hätten die Erfolge des IS nicht richtig vorausgesagt. Die wehren sich gegen den Vorwurf: Obama wolle nur von seiner zögerlichen Reaktion ablenken. Man habe mehrfach auf die Gefahr durch die Islamisten hingewiesen.”
      http://www.n-tv.de/politik/IS-Vormarsch-wird-fuer-Obama-zum-Debakel-article13697446.html
      Ja da ist es wieder das “Überraschungsmoment”, wie beim “arabischen Frühling” oder anderen “plötzlichen” Ereignissen. Entweder sieht die NSA alles und ignoriert (die Probleme wissentlich) mit Absicht (und Hintergedanken zum Nutzen des Großen Bruders) oder dieser klobige globale Sicherheitsapparat wird maßlos überschätzt, was kaum vorstellbar scheint.
      Grüße&
      dank

  • Freiberufler - 29. September 2014

    Das System, in dem wir uns befinden, heißt crony captialism, Kumpel-Kapitalismus.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Crony_capitalism

    M. E. erklärt das recht überzeugend die Wachstumsschwäche der Wirtschaft. Wenn Bestechung höher rentiert als Innovation, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das Wohlstandsniveau sinkt.

    Natürlich wird die Politik rein gar nichts tun, um ein System zu ändern, das sie selbst eingeführt hat und von dem sie profitiert. Das wird sich immer wieder um die Frage drehen, wen man als nächstes rasiert, denn irgendwo muss die Verteilungsmasse ja herkommen.

  • JL - 30. September 2014

    Die Ereignisse 1929 haben gezeigt, daß man Wirtschaftsabschwünge nicht national- und auch nicht mit billigen Geld- lösen kann. Die damalige Lösung der großen Probleme war letztlich ein großer Krieg. Und dies wiederum führte zu einer Neuaufteilung der Welt.

    Obwohl sich tendenziell die damalige Wirtschaftsdepression sich mit den heutigen Entwicklungen natürlich vergleichen lassen, ist jedoch die Ausgangslage wohl eine andere.

    – Die damaligen Länder und Kolonialmächte hatten bei ihren Verschuldungen genügend „Luft nach oben“, dies ist heute nicht mehr gegeben.
    – Nationale Wirtschaften, welche auch nationalen Interessen folgten gibt es nicht mehr in einer globalisierten Welt mit globalen Aktienstrukturen. Und dies wiederum bedeutet, daß Regierungen nur noch die Marktbedingungen beeinflussen können, letztlich ein sich selbst verstärkender Abwärtstrend also.
    – Ein Krieg als Lösung ist sachlich betrachtet unvernünftig. Globaler als global geht nun mal nicht. Im Gegenteil. Die Amerikaner befinden sich nun schon seit 13 Jahren im Krieg mit dem „Rest der Welt“ und haben ihre Position trotzdem nicht verbessern können.
    – Es zeigt sich zunehmend, daß der weltweite Markt nicht mehr vom „Westen“ abhängig ist, sondern der „Westen“ zunehmend vom weltweiten Markt.

    Da haben die Amerikaner Billionen an Dollars in den Finanzhimmel geschossen, auch die Europäer die Zinsen auf fast Null gedrückt und die Japaner sich weit jenseits von 200% verschuldet- und was hat es gebracht? Das man in der Politik an einem Gordischen Knoten herumfummelt will man sich dort natürlich nicht eingestehen wollen- schließlich hatte man bisher noch immer „Lösungsansätze“ vorweisen können.

    Wenn auch unlösbare.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Dieter Meyer - 30. September 2014

    Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sich in unseren Köpfen die Vorstellung verfestigt hat, Notenbanken und Politik seien in der Lage, genau dies zu verhindern.

    Ist es nicht so, dass die Computerprogramme, die mittlerweile den Bärenanteil im Aktienhandel ausmachen, einen Crash verhindern?

    Welch ein grotesker Witz, dass die Crash-Propheten so einen Müll verbreitet haben…

    NICHTS ist passiert. Niemand will einen Neuanfang. Alle wählen das Alte.

    • Moep - 30. September 2014

      “Niemand will einen Neuanfang”

      Genau in diesem Punkt wäre ich mir an Ihrer Stelle nicht so sicher. Je weiter sich die Schere öffnet, umso mehr Menschen werden mit Ihnen in diesem Punkt nicht übereinstimmen.

  • Oliver Marquardt - 30. September 2014

    An sich gut ausgearbeitet. Die Analogie zu Situationen in den letzten 120 Jahren erschließt sich mir jedoch nicht ganz. Dennoch sehe ich das ähnlich. Es ist ein sehr fragiles Fundament, auf dem die Stabilität erkauft wird. Und die Politik schlittert definitiv in eine Sinnkrise, weit weg vom Volk. Nicht nur in Deutschland.

    Übrigens: Bitte bei den Beiträgen hier immer Bilder mit min. 800x600px verwenden! Dann kann man sie auch entsprechend gut im Socialweb posten. Ansonsten sind sie zu unauffällig.

  • zykliker - 1. Oktober 2014

    Wenn man akzeptieren kann, dass sowohl Real- als auch Finanzwirtschaft aufgrund der menschlichen Natur zyklisch verlaufen, sollte man zum besseren Verständnis der jetzigen Dramatik zunächst das Jahr 1987 mit dem Jahr 1929 vergleichen. 58 Jahre danach schien es so zu sein, dass wieder einmal ein Kondratieff-Zyklus zu Ende gehen sollte. Nach Reagans grossen Schlucken aus der Kredit-Pulle ein letztes Aufflackern, angefacht durch die Rüstungs-Sonderkonjunktur zum Niederzwingen des “Reichs des Bösen” bricht die Euphorie plötzlich in sich zusammen: es kommt zu einer schlimmeren Entladung als 1929.

    Wenn Notenbanken & Regierungen sich damals genauso verhalten hätten wie ab 1929, wäre auch die folgende Depression genauso verlaufen wie in den 30ern. Aber da war ja Greenspan, der “Magier der Märkte,” der die ganze Welt gerettet hat mit billigem Geld; und fortan konnte durch immer schnelleres Aufschulden die unvermeidliche Depression eines Kondratieff-Winters vermieden – nein aufgeschoben – werden. Um eine Analogie aus der Medizin zu bemühen: man hat schwere Tuberkulose mit Fieber senkenden Mitteln bekämpft. Nur in aufstrebenden Ländern der Welt-Peripherie, die sich zu leichtsinnig mit Schulden aufgepumpt hatten, war den Wallstreet-Ärzten IWF etc der Aderlass (Austerität) das Mittel der Wahl.

    Der quasi-natürliche Abgang des Kondratieff-Zyklus in die Depression wird also mit immer grösseren Geld-Schöpfungen seitens der Notenbanken und immer steileren Aufschuldungen, vor allem der Regierungen seit annähernd 30 Jahren immer gerade eben noch abgewendet. Der Aufwand, den Absturz zu verhindern, muß von mal zu mal deutlich gesteigert werden. Die Wachstumsraten werden mit allerlei statistischen Tricks (Deflator wird systematisch gefälscht, Erträge aus Schattenwirtschaft/Organisiertem Verbrechen werden mit gerechnet) aufgehübscht. Aus einer heilbaren Tuberkulose ist Multiples Organversagen geworden, das nur noch durch immer mehr “Maschinen-Medizin” ersetzt wird. Aufgrund des Ausscheidens von immer mehr Menschen aus der Mittelschicht im Westen ist die Westliche Konjunktur nichts weiter mehr als eine “Geschminkte Leiche.” Und der Aderlass hat längst auch Südeuropa ausgemergelt.

    In der Diagnose stimme ich daher der Kritik der Austrians an der Wirtschaftspolitik des Westens zu – deren Rezepte lehne ich jedoch vehement ab.

    Die Fallhöhe des aufgestauten K-Winters – Depression durch Massenbankrott aufgrund dominoartigem Schuldenausfall, garniert mit Derivate-Default in mehrfacher Welt-BSP-Höhe – ist inzwischen grandios.

    Warum ist die Politik incl. Notenbanken diesen Weg gegangen? Einerseits sehe ich die Politik als Handlanger massiver Finanz-Interessen, die ihr Finanz- und Real-Vermögen keinem quasi-natürlichen Schuldenausfall eines K-Winters ausgesetzt sehen wollen. Andererseits ist da der Glaube an die Gestaltbarkeit des Wirtschaftsgeschehens: anstatt ein Haus zu bauen, in dem alle Menschen einen trockenen Platz finden, versucht man, das Wetter zu steuern: man will das Tief umleiten, um den Regen zu verhindern und erzeugt statt dessen einen Hurrican nach dem anderen. In den 90ern wurden wohl nicht wenige mit dem Nobelpreis geehrt, weil sie glaubten, sie hätten den Konjunkturzyklus abgeschafft. Und selbst nach offensichtlich unwiderlegbarer Evidenz, dass der Preis dafür viel zu hoch ist (das Aufpumpen immer größerer Blasen), flüchtet sich die verschworene Religionsgemeinschaft der Ökonomen in die realitätsresistente Ideologie: wie Kleinkinder, die lieber 5 Jahre nichts zu Weihnachten und Geburtstag geschenkt bekommen wollen, als jetzt in diesem Augenblick für eine Stunde aufs Fernsehen/Daddeln zu verzichten.

    Der Preis für diesen Ritt gegen die Wand ist auch die zunehmende politische Repression, weil sich die Machteliten (Poltitker sind nur deren Handlanger!) nicht mehr anders zu helfen wissen, um ihre Dekadenz gegen das steigende Hochwasser der Realitäten zu verteidigen.

    • JL - 2. Oktober 2014

      Hallo zykliker

      Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie ausführen, daß man glaubt, meint oder sogar beweisen könnte Wirtschaften bis alle Ewigkeiten auf Wachstum zu trimmen. Diese ökonomischen oder politischen Exoten straft letztlich die Realität ab.

      Nun hat Kondratieff nun aber auch aufgezeigt, daß grundsätzliche Innovationen die eigentlichen Triebkräfte für Erfolg und Wachstum sind, bis diese Innovationen ihre wirtschaftliche Triebkraft letztlich verloren haben und damit neue Innovationen für erneutes Wachstum erforderlich sind.

      Vielleicht sollte man gegenwärtig deshalb etwas „tiefer Graben“.

      Es fehlt an Innovationen.
      Es fehlt an Geld seitens der Verbraucher.
      Es gibt keine erkennbaren Wachstumsmärkte aus westlicher Sicht, im Gegenteil.

      Da wird der K- Winter wohl lang und frostig werden.

      Mit freundlichen Grüßen

      JL

      • SLE - 2. Oktober 2014

        … eine sehr passende Ergänzung ist in diesem Zusammenhang diese Analyse:

        http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/11129108/Mass-default-looms-as-world-sinks-beneath-a-sea-of-debt.html

        Grüße
        SLE

      • zykliker - 2. Oktober 2014

        “Da wird der K- Winter wohl lang und frostig werden.”

        Zustimmung; wer es freundlich formulieren will: Politik & Notenbanken haben das Problem fehlender Innovationen gesehen und deshalb den K-Winter aufhalten wollen bis zu deren Eintreffen.

        Aber: wer bestehende Strukturen so konserviert wie bei der Aufzucht der National Champions geschehen, der verhindert doch geradezu Innovationen.

        Ein neuer K-Frühling wird vielleicht gar nicht so sehr von technischen Neuerungen kommen, sondern von der “Schöpferischen Zerstörung” (Schumpeter) bestehender wirtschaftlicher & politischer Machtstrukturen, von der daraus folgenden Entfesselung all der produktiven Kräfte, die derzeit “zur Faulheit gezwungen” sind, die von Konzerninteressen systematisch an ihrem quasi-natürlichen Gewerbefleiß gehindert werden.

        SLE´s Wettbewerbsmodell ist dazu eine mögliche theoretische Grundlage.

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